Profil: Enrico Bondi soll neuer Chef des Fiat-Konzerns werden
Der Mann für schwierige Fälle

Er gilt als hervorragender Sanierer. Jetzt soll Enrico Bondi vermutlich als neuer Konzernchef Fiat aus der Krise führen - wahrscheinlich mit Gabetti als Präsidenten.

MAILAND. Die wichtigen Entscheidungen des Lebens wollen in aller Ruhe überdacht sein. Aus diesem Grunde hat Enrico Bondi das letzte Wochenende in der Einsamkeit seines toskanischen Landgutes "il matto" (wörtlich: der Verrückte) verbracht und für Montag alle Termine abgesagt.

Als er gestern Morgen wie üblich um halb acht sein Chef-Büro der Versicherungsgesellschaft Sai in Mailand betritt, hat er den Agnellis längst sein Ja-Wort gegeben. Er soll für die Industriellen-Dynastie den momentan schwierigsten Job in der italienischen Wirtschaft übernehmen, und zwar als Vorstandschef den Mischkonzern Fiat aus der tiefsten Krise in seiner 102-jährigen Unternehmensgeschichte lotsen.

Der hagere Enrico Bondi ist ein Mann der diskreten Töne. Er hat niemals in seinem Leben ein offizielles Interview gegeben. Dennoch stand der Name des studierten Chemikers in den vergangenen Jahren oft in der Zeitung. Einen herausragenden Ruf hat sich der 68-Jährige als Sanierer des Konglomerates Montedison erworben. Aus den Trümmern des untergegangenen Imperiums der Familie Ferruzzi formte er im Auftrag der Mailänder Merchandbank Mediobanca mit viel Geduld, Weitblick und ruhiger Hand ein schlagkräftiges Unternehmen.

Bondi, gerühmt wegen seines Verhandlungsgeschicks und seiner Fähigkeit zu integrieren, unterstrich seine Ausnahmestellung unter Italiens Managern im letzten Sommer, als ihn der Präsident der Telecom Italia (TI), Marco Tronchetti Provera, zum Chef des trägen Ex-Monopolisten berief. 13 Monate lang arbeitete Bondi an der Neuausrichtung des Unternehmens. Dann war seine Mission beendet. "Bondi hat das Team zusammengehalten und Tronchetti den Rücken freigehalten", sagt ein TI-Insider.

Bondi bevorzugt einen legeren Stil und sucht den direkten Draht zu seinen Mitarbeitern. Außerdem zeichnet ihn ein hohes Maß an Loyalität zu seinen Großaktionären aus. Seine nüchterne Art und das manchmal kleinkariert wirkende Interesse für jedes noch so kleine Detail dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass er ein Mann ist, der stets über den Dingen steht.

Soll der erfahrene Sanierer Bondi die industrielle Rolle im spektakulären Wachwechsel an der Fiat-Spitze spielen, könnte der mögliche Präsident Gianluigi Gabetti die Funktion eines persönlichen Garanten für die Interessen der Gründerfamilie erfüllen. Voraussetzung wäre natürlich der Rücktritt des umstrittenen Präsidenten Paolo Fresco. Gabetti ist einer der engsten Vertrauten des "avvocato" Gianni Agnelli. Der Leitwolf der Sippe hat den studierten Juristen vor etwa 40 Jahren kennen gelernt. Seit 1971 arbeitet Gabetti für die Familie, zuletzt als Vize-Präsident der Holding Ifi. Er gehört zu denen, die an den Sitzungen des "Familienheiligtums" Giovanni Agnelli & Co. teilnehmen dürfen.

Gabetti, ein Mann mit grauen Haaren und hoher Stirn, verkörpert brillant den Typus des zurückgezogenen Haus- und Hofbankiers der alten piemontesischen Schule: keine Fernsehauftritte, nur vertrauliche Treffen mit den Mächtigen des Landes hinter den dicken Türen der Palazzi. So war er es, der 1976 den Aufsehen erregenden Einstieg der Libyer bei Fiat orchestrierte.

Dass er mit 78 Jahren über der Altersgrenze für Fiat-Präsidenten liegt, dürfte keine Hürde darstellen. Satzungen lassen sich ändern, wenn man die Kapitalmehrheit hält.

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