Profil: Francis Mer wird vom Stahlmanager zu Minister
Der Mann aus Eisen

Erstmals wird ein mit allen Wassern gewaschener Manager französischer Wirtschaftsminsiter. Das könnte Mer schnell scheitern lassen - oder Maßstäbe setzen.

HB PARIS. Der Überraschungskandidat in Frankreichs neuer Regierung könnte sich zum großen Unbequemen im Kabinett Raffarin entwickeln: Francis Mer, bis zum Wochenende einer der beiden Aufsichtsratsvorsitzenden des weltgrößten Stahlkonzerns Arcelor, ist ein Mann mit Ecken und Kanten. Hochgewachsen, mit markantem Kiefer und der Statur eines Rugbyspielers ist er einer der auffälligen Erscheinungen in der konservativen Kabinettsriege.

Bis vor ein paar Tagen hätten viele Mer schlicht die Qualifikation für das Amt des Wirtschafts- und Finanzministers abgesprochen. Zu harsch waren seine Äußerungen über den Regierungsbetrieb. "Die Politiker schaffen es nicht zu erklären, was sie tun. Sie interessieren sich nicht für die Unternehmen und sie vermitteln kein Vertrauen in die Zukunft", lautete Mers Credo.

Dennoch schlug er nach kurzem Zögern ein, als Freunde ihm das Ministeramt antrugen. Die kamen aus der Umgebung des Zentristenchefs François Bayrou. Bei dessen Partei UDF liegen Mers politische Vorlieben.

Mer ist tief gläubiger Katholik. Er engagiert in der katholischen Unternehmerschaft, für die er auch auf kirchlichen Foren auftritt. Anfang April debattierte er in Paris beim ökumenischen Symposium "Evangelium und Gesellschaft" in einem Workshop über die "Annäherung der Kulturen in multinationalen Unternehmen". Der Globalisierung stellte er sich wie kein anderer Konzernboss in Frankreich: Er hält sie für unausweichlich und will sie mit weltweit gültigen Regeln zähmen

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Der überzeugte Anhänger des freien Handels und eines aufgeklärten Kapitalismus sucht die intellektuelle Herausforderung durch Andersdenkende. Im Debattierclub "Confrontations" diskutiert er mit dem kommunistischem Moderator Philippe Herzog, mit dem er an der Elitehochschule Polytechnique zusammen studiert hat.

Eine gewisse Nähe besteht auch zum Chef der Großbank Crédit Lyonnais, Jean Peyrelevade, der sich öfters mit linken Positionen in die politische Debatte einmischt. Mer verfasst mit der Gewerkschaftsvorsitzenden Nicole Notat zusammen Denkschriften und hat Kontakt zu Jacques Delors, dessen Visionen für Europa er teilt.

"Aber Mer ist kein Netzwerker", und das macht ihn politisch verwundbar. So gibt es in Paris Stimmen, die ihm nur einige Monate Amtszeit prophezeien. Doch Leute, die ihn am Verhandlungstisch erlebt haben, halten dagegen. "Francis Mer ist noch nie eingeknickt", bestätigt eine Pariser Journalistin, die ihn schon lange beobachtet.

Mer ist ein Freund offener Worte. Mitarbeiter sagen ihm einen autoritären Führungsstil nach und machen Andeutungen über heftige Wutausbrüche. "Verletzend, gar brutal kanzelt er zuweilen seine Gesprächspartner ab", berichtet auch ein Gewerkschafter.

Andererseits haben Gesprächspartner ihn schon mit den Tränen kämpfen sehen, als ihm bei Verhandlungen die Nachricht von einem tödlichen Arbeitsunfall eines seiner Stahlwerker erreichte. Da zeigt der "Mann aus Eisen" seine weiche Seite.

In Kollegenkreisen wird der Manager für seinen sozialen Scharfsinn und seine ökonomische Weitsicht bewundert. Gleichzeitig stört der Nonkonformist immer wieder den Frieden im Unternehmerlager. So focht er vor 2000 Mitgliedern des Arbeitgeberverbandes Medef die Ergebnisse einer Abstimmung über die 35-Stunden-Woche an - seine Argumente kamen an, doch legte sich eisige Kälte über den Saal.

Sanierungen sind Francis Mers Spezialität. 1970 sollte er ein Modell für die Zukunft der Saint-Gobain-Gruppe entwickeln. 1986 beauftragten ihn der rechtsliberale Industrieminister Alain Madelin und Jacques Chirac, damals Ministerpräsident unter dem sozialistischen Präsidenten François Mitterrand, die Stahlindustrie zu retten.

"Usinor und Sacilor dürfen nicht pleite gehen", lautete die schlichte Zielvorgabe. Sie war angesichts der politischen Konstellation ein Himmelfahrtskommando. Francis Mer schloss unbeirrt Werke und schickte Zigtausende in den Vorruhestand, er fusionierte und privatisierte. Der Aufstand in Frankreich blieb aus.

Heute, gut 15 Jahre später, ist die mit Arbed und Aceralia fusionierte Usinor weltgrößter Stahlkonzern. Das dürfte auch Jacques Chirac aufgefallen sein, dem wenig Gespür für die Feinheiten des Wirtschaftslebens nachgesagt wird.

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