PROFIL: Holger Jung ist Chef der Agentur Jung von Matt
Der Unkonventionelle

Gegend ist alles andere als eine feine Adresse. Der Sitz der Werbegruppe Jung von Matt liegt weit ab der prächtigen Hamburger Chausseen, mitten in einem ehemaligen Hausbesetzer-Viertel.

HAMBURG. Der Eingang ist unprätentiös, umsäumt von Fußball spielenden Kindern, die Stufen sind abgetreten. Oben wartet jemand, der auf Repräsentatives keinen besonderen Wert legt: Holger Jung, der Agenturgründer, groß und schlank, Glatze, Stoppelhaarschnitt und Rollkragenpullover. Er hat nichts von dem Knallig-Aufgesetzten anderer Werbeleute - sondern eher etwas von der nordischen Kühle eines gebürtigen Hamburgers.

Ausgerechnet er, der große Individualist der Szene, hat jetzt zusätzlich einen trockenen Verbandsjob übernommen. Seit vergangenem Freitag ist er Präsident des Gesamtverbands Kommunikationsagenturen (GWA). Ihm gehören mehr als drei Viertel aller größeren Werbeagenturen an, darunter auch Riesen wie BBDO oder Mc Cann & Erickson. Jung wäre aber nicht Jung, wenn er bei seiner neuen Tätigkeit alles beim Alten lassen würde. Mit einem Fünf-Punkte-Programm will er den Verband runderneuern.

Der GWA brauche vor allem eines: "eine spürbare Meinungsführerschaft", verkündete er gleich in seiner Antrittsrede. Ob ihm das gelingt, wird sich erst noch zeigen. Lothar Leonhard, sein Vorgänger als GWA-Präsident, zumindest bescheinigt ihm, dass er gute Voraussetzungen für seine neue Aufgabe mitbringe. "Er ist engagiert und erfolgreich, mit einer sehr kreativen Agentur, die alles andere als bürokratisch ist."

Tatsächlich schaffte er es, die mit Jean-Remy von Matt gegründete Agentur in nur elf Jahren unter die Top 20 der deutschen Werber zu katapultieren. Das gelang ihm mit frechen, unkonventionellen Werbekampagnen. So ließ er seinerzeit die Nation über die dummen Sprüche des Schlagerstars Dieter Bohlen im Mercedes des Münchener Autovermieters Sixt lachen. Oder er zog für seine Agentur den 50 Mill. Euro schweren Werbeetat für den BMW-Mini an Land.

Aber von der aktuellen Werbeflaute, die immer mehr Agenturen zu Pleitekandidaten macht, bleibt der gelernte Jurist nicht verschont. "Ich hoffe beim Umsatzwachstum in diesem Jahr auf eine Nullrunde", verrät Jung. Im vergangenen Jahr kletterte der Honorarumsatz in Deutschland, Österreich und der Schweiz noch auf 43 Millionen Euro. Doch der Rückzug der Mobilfunkfirma Quam aus Deutschland macht ihm zu schaffen. Diese Lücke lässt sich mit Neukunden wie der Airline Swiss nur schwer schließen. Steckt also mehr hinter der neuen Zusammenarbeit mit der internationalen Agentur DDB?

"Der Zusammenschluss mit einer Holding liegt mir fern", wischt er solche Spekulationen schnell vom Tisch. Das würde sicher nicht zum eigenwilligen Stil des 48-Jährigen passen, den er auch im eigenen Hause pflegt: Konferenzen und Interviews gibt der leidenschaftliche Motorrad- und Fahrradfahrer nur im Stehen an hohen Tischen. Sonst schlafe man ja ein, merkt er an. Auch bei Diskussionen hält es ihn nicht lange auf seinem Platz. Er liebt es, beim Reden auf und ab zu gehen. Unter Kollegen gilt er als geistreicher Gesprächspartner. Schnell zu sein sei seine Stärke, behauptet er von sich.

Und seine Schwäche? "Manchmal vorschnell zu handeln." Das kann er sich als neuer Verbandschef nicht erlauben. Hier ist er eher in der Rolle des Dompteurs, der eine wilde Horde Kreativer bändigen muss. So steht der Verband auch vor der Aufgabe, die eigenwilligen Public-Relations-Häuser, Direktmarketing- und Internet-Agenturen an einen Tisch zu bringen. Eine kleine Revolution in ohnehin stürmischen Zeiten. "Ich sehe mich als Integrationsfigur", sagt Jung denn auch, der in Hamburg wohnt, sich aber mit Frau und Kind am Wochenende schon mal gerne in seiner alten Bauernkate in der Nähe der dänischen Grenze entspannt.

Sein Verhandlungsgeschick wird er bald auch in Brüssel beweisen müssen:Von der EU-Kommission droht der Branche eine Reihe von Werbeverboten. Vielleicht lässt sich das Problem in Jungscher Manier ganz unkonventionell mit einem spritzigen Einfall lösen. Auch Angela Merkels Topfschnitt hat er mit einer feschen Sturmfrisur auf einem Sixt-Werbeplakat ein für alle Mal aus der Welt geschafft.

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