Profil: Jean Peyrelevade
Der unmögliche Kandidat

Bankchef Jean Peyrelevade tritt bei Crédit Lyonnais ab. Doch ob er als EZB-Chef wieder auftaucht, ist höchst zweifelhaft.

PARIS. Wir sind Überlebende, und so etwas macht bescheiden." So spricht Jean Peyrelevade, wenn er in diesen Tagen auf seine zehn Jahre als Chef von Crédit Lyonnais zurückblickt. Die einstige Staats- und Skandalbank hat überlebt, aber ihr Retter ist seit gestern seinen Job los. Der Verwaltungsrat der Lyoner Bank, den Peyrelevade gestern zum letzten Mal leitete, segnete die neue Konzernstruktur ab, der sich Crédit Lyonnais mit der Übernahme durch Crédit Agricole unterwerfen muss. Es entsteht ein neuer Bankenriese mit einer Bilanzsumme von 765 Milliarden Euro - aber ohne Peyrelevade.

Das Ende der Geschichte? Noch nicht ganz. Denn kaum war klar, dass der 63-Jährige keinen Posten bei Crédit Agricole-Crédit Lyonnais finden würde, wurde in Pariser Finanzkreisen getuschelt, Peyrelevade liebäugele mit der Präsidentschaft der Europäischen Zentralbank (EZB). Voraussetzung dafür: Frankreichs Wunschkandidat Jean-Claude Trichet, Gouverneur der Banque de France, wäre verhindert.

"Das Timing wäre perfekt, und der Ehrgeiz von Peyrelevade ist noch nicht erschöpft", mutmaßt ein Banker. Kommenden Mittwoch erfährt Trichet, ob er wegen Beihilfe zur Bilanzfälschung bei Crédit Lyonnais (CL) verurteilt wird oder nicht. Fällt der Zentralbankchef durch, braucht Frankreich flugs einen neuen Kandidaten für den wichtigsten Posten in Europas Finanzwelt. Einen Kandidaten namens Peyrelevade?

Ganz entgegen seiner Natur, Klartext zu reden, wand sich Peyrelevade. Er wolle sich nun einer Buchreihe "Die Republik der Ideen" widmen. "Und ich bleibe auch, in der einen oder anderen Form, dem Geschäftsleben erhalten", orakelte der Mann, der sonst keine Gelegenheit auslässt, Politikern und Bankerkollegen die Leviten zu lesen. Bloße Kokettiererei? Peyrelevade - von eher unbescheidener Natur - weiß, dass er auf dem Papier vieles von dem hat, was ein EZB-Chef braucht: politische Erfahrung (aber nicht zu viel), Bankerfahrung in verschiedenen Branchen (reichlich) - und einen französischen Pass. Aber Peyrelevade leistet sich auch eine recht ausgefallene Persönlichkeit. Kleine Extravaganzen wie die Westen mit dem blühend weißen Rückenteil, in denen er sich gerne zeigt, werden ihm leicht verziehen.

Lieber Fußballer oder Dichter

Auch dass er viel lieber Fußballer oder Dichter geworden wäre, geht als Träumerei eines Mannes durch, der von vielen Talenten nur eines nutzen konnte. Und dass der CL-Chef seine Zuneigung zu den Sozialisten nie verhehlt hat, macht ihn noch nicht zu einem unmöglichen EZB-Kandidaten für den gaullistischen Präsidenten Jacques Chirac.

Schließlich schaffte Peyrelevade, was er sich nicht einmal selbst zutraute: "Ich weiß nicht, warum ich diesen Posten akzeptiert habe. Ich war schnell überzeugt, dass ein Scheitern möglich, wenn nicht sogar sehr wahrscheinlich war", sagt er über seine Berufung zum CL-Chef 1993. Damals schrieb Europas größte Bank Milliardenverluste. CL-Chef Jean-Yves Haberer - angestachelt von der Großmachtsehnsucht mancher französischer Politiker - hatte sich auf eine spektakuläre Einkaufstour begeben, die zwar die Bilanzsumme explodieren, die Renditen aber implodieren ließ.

"Viel Glück" habe er gehabt, sagt Peyrelevade heute, was ein wenig bescheiden klingen soll. Zur Fortüne kamen zudem 15 Milliarden Euro Staatshilfen, um die gelb-blaue Bank wieder hochzupäppeln. Aber der Liebhaber der Psychoanalyse setzte das Geld aus der Staatskasse geschickt ein: Privatisierung und Börsengang gelangen 1999.

Hang zum Quertreiben

Rasch aber schlug sein Hang zum Quertreiben durch. Allen Versuchen französischer Finanzminister, CL mit einer anderen Bank zu verheiraten, um ihr Überleben auch langfristig zu sichern, verweigerte er sich. Fusionsverhandlungen mit den Agrarbankern von Crédit Agricole ließ er kurz vor Abschluss platzen. (Heute nennt er die Fusion die "ideale strategische Lösung" für CL.) Seinen Spitznamen in den Korridoren von Konkurrenten und Regierung hatte sich Peyrelevade redlich verdient: "Monsieur Non".

Regelmäßiges Kopfschütteln erntete der eigensinnige Banker mit seinen politischen Statements, zu denen er sich oft hinreißen ließ. Die Linksregierung von Premierminister Lionel Jospin verschärft auf Druck der Kommunisten den Kündigungsschutz? Peyrelevade applaudierte öffentlich - und Kollegen und Kunden seines Hauses legten offiziös die Stirn in Falten.

Erst der neue Finanzminister Francis Mer überlistete Peyrelevade, indem er im November 2002 die verbliebene Zehn-Prozent-Beteiligung des Staates an CL über Nacht zur Versteigerung ausrief - ohne den CL-Chef davon zu informieren.

Peyrelevade weiß um seine Schwächen. Als sein Vorbild nennt er Ludwig XI.: "Er hatte, was mir fehlt: die ultimative Gabe zur Diplomatie. Sich selber zu demütigen, um dem Gemeinwohl zu dienen, das ist groß." Und das ist die Qualifikation für den Chefposten der EZB, die Jean Peyrelevade wohl nicht besitzt.

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