Profil: Jörg Herlyn
Gelockt vom schwarzen Ungetüm

Der Stier hat ihn gelockt. Nicht der lebendige, kampfeslustige, der irgendwann in einer spanischen Arena ein blutiges Ende findet. Sondern der immer formgleiche, tiefschwarze, 20 Tonnen schwere, von denen exakt 90 Stück an Spaniens Autobahnen und Landstraßen stehen. Dieses von weither sichtbare Stahltier ist längst zu einem Kulturgut des iberischen Landes geworden, aber der schwarze Blickfänger ist vor allem Logo des spanischen Sherry-, Brandy- und Weinunternehmens Osborne.

MADRID. "Ich bin wegen des Stiers, der Marke und der Vision zu Osborne gekommen", erzählt Jörg Herlyn. Der groß gewachsene, fast schon ergraute 37-Jährige ist seit Februar 2000 verantwortlich für Strategie und Marke außerhalb Spaniens und wurde zusätzlich vor kurzem zum Länderchef für Deutschland, Österreich und die Schweiz gekürt. Andere Länder, fremde Sitten, das ist Herlyns Welt. Der Kölner hat nahezu sein gesamtes Leben im Ausland verbracht. Einen Kölner Dialekt hat er darum nie gehabt oder verloren, als es ihn nach Belgien verschlug, in die USA, in die Niederlande, nach Frankreich, nach Kanada.

Jetzt erliegt er den Reizen des Sonnenlandes Spanien. Wenn er in seinem Dienstwagen, einem für deutsche Arbeitsverhältnisse eher mickrigen Passat, durch die trockene und heiße kastilische Hochebene braust, gesteht er zufrieden ein: "Was haben wir es hier gut." Nach Deutschland zieht ihn wenig bis nichts. Auch das im Süden bei allen Unternehmen meist niedrigere Gehalt - Herlyn schätzt, dass er nach Berücksichtigung spanischer Steuervorteile 15 Prozent weniger verdient, als in der Heimat kriegen könnte - schreckt ihn nicht: "Das nehme ich gern in Kauf."

Es geschieht selten, dass ein Ausländer einen Fuß in die Führungsetage eines spanischen Unternehmens setzt. Zweifellos dürfte Herlyn geholfen haben, dass er fließend mehrere Sprachen spricht, bei Spaniern eher die Ausnahme. Die Stelle wurde für den Deutschen geschaffen: Ein internationales Marketing hatte es bei Osborne zuvor nicht gegeben. Die Arbeit erledigte das nationale Team. Herlyn ergriff vor drei Jahren die Chance, froh, "etwas Neues aufbauen und gleichzeitig international arbeiten zu können" - zumal in einem so traditionsreichen Familienbetrieb, der auf dem Sprung zu einem internationalen, markenorientierten Unternehmen ist. "Mir gefallen die Flexibilität und die starke Kommunikationsbereitschaft der Spanier. Das gibt Impulse", erzählt Herlyn. "Die Beziehungen zu Kollegen gehen oft über das rein Kollegiale hinaus. Spanier sind ehrgeizig, aber Mobbing oder Neid auf andere, also Schachern um den besten Posten, gibt es selten."

Das Familienunternehmen, 1772 von dem Engländer Thomas Osborne Mann in Andalusien gegründet, ist in Deutschland vor allem für Sherry und Brandy bekannt. Doch weil die heute sechste Generation das Wachstum in diesem Bereich nicht mehr für das beste hält, kaufte sie vor drei Jahren etwa 100 Kilometer südlich von Madrid eine Finca, um in das lukrative Weingeschäft einzusteigen. Die Investition von 120 Millionen Euro ist ein Kraftakt für ein Unternehmen mit 370 Millionen Euro Umsatz, zumal die Bodega frühestens in drei bis vier Jahren Gewinne erzielen soll. Noch bepflanzen Arbeiter das Gut in der Tierra de Castilla mit Reben. Für die Weinproduktion werden die Trauben vorerst zugekauft.

Aus denen entsteht der "Solaz", eine Marke, die Herlyn vor knapp drei Monaten in Deutschland eingeführt hat. Sein besonderer Stolz, wie er unumwunden zugibt. Die Kino- und TV-Kampagnen, das Aussuchen der Models, die Begleitung der Shootings - das hat ihm gefallen. Anders als in Spanien wird im Ausland "auf den Stier gegangen", wie Herlyn den Werbeauftritt beschreibt. Das Tier, das ihn zu Osborne gezogen hat, begleitet ihn in solchen Zeiten von morgens bis abends - aber nur als Logo. Obwohl er seit 1996 in Spanien lebt, war er erst im vergangenen Jahr zum ersten Mal bei einem Stierkampf.

Herlyn identifiziert sich völlig mit dem spanischen Unternehmen, an dem heute mehr als 190 Familienmitglieder beteiligt sind, darunter allerlei illustre Personen wie ein Schnulzensänger. Jede Kleinigkeit aus der langen Firmengeschichte hat er parat. Auf die hochmoderne Bodega ist er so stolz, als habe er sie mit eigenen Händen gebaut. Vor drei Jahren, als er von Philip Morris auf Gran Canaria zu Osborne nach Madrid wechselte, war das anders. "Ich habe längst nicht alle Produkte gekannt", räumt er ein. Das hat seiner Karriere nicht geschadet, die noch nicht zu Ende sein soll. "Der Vorgänger meiner Chefin", sagt Herlyn viel sagend, "war Engländer." Das lässt hoffen.

Nächste Woche Montag folgt in der Serie: Rüdiger vom Walde, Chef der österreichischen Bahn.

Silke Kersting
Silke Kersting
Handelsblatt / Korrespondentin
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