Profil: Jürgen Gallmann ist Deutschland-Chef von Microsoft
Der flexible Überläufer

Die Argumente der Kritiker von Microsoft sind ihm vertraut. Als IBM-Manager war Jürgen Gallmann selbst einer von ihnen. Aber der Wechsel zu Microsoft fällt ihm nicht schwer.

MÜNCHEN. Flexibilität gehört zweifelsohne zu den Qualitäten, die Führungskräfte von Mitarbeitern verlangen. Böse Zungen behaupten, Jürgen Gallmann sei mit seinem überraschenden Wechsel von IBM zu Microsoft mit gutem Beispiel vorangegangen.

Noch am 29. Oktober sollte er als Chef der IBM-Softwaregroup die Messe Linux-World in Frankfurt eröffnen, um als Verfechter offener Standards in der Softwareentwicklung den Konkurrenten Microsoft zu geißeln. Doch IBM musste kurzerhand Ersatz für Gallmann schicken. Denn der 40-Jährige hatte gerade die Fronten gewechselt, um als deutscher Statthalter des mächtigen US-Softwarekonzerns Microsoft nunmehr Kunden von dessen Philosophie zu überzeugen.

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it dem abrupten Wechsel aus dem Linux-Lager in die Reihen des Konkurrenten Microsoft hat der neue Deutschlandchef aber wenig Probleme: "Mich hat niemand beschimpft und ich habe keine Bombendrohungen erhalten", betont der jung und sportlich wirkende Manager mit einem spitzbübischen Lächeln. Auch bei seinem alten Arbeitgeber IBM ist man Gallmann nicht böse. Er sei eben ein "Karrieremensch", heißt es da. Und für den nächsten Karriereschritt bei IBM hätte er höchstwahrscheinlich ins Ausland gehen müssen. Jetzt kann er dagegen in der Heimat bleiben - sogar in Süddeutschland.

In Redmond mögen sie offenbar das Alemannische. Gallmann ist nach Kurt Sibold schon der zweite Deutschland-Chef, den die Konzernzentrale aus dem äußersten Südwesten angeheuert hat. "Nach fünf Minuten hat der Steve mir gesagt: ?Du bist gar kein Deutscher, du bist Schweizer? ", erinnert sich Gallmann an sein Vorstellungsgespräch beim mächtigen Microsoft-Boss Steve Ballmer. Ballmer irrte sich zwar in der Staatsangehörigkeit. Doch Gallmanns Muttersprache ist tatsächlich das Alemannische. Der Wirtschaftswissenschaftler ist in Wehr unweit von Basel aufgewachsen.

Als sein Vorgänger Sibold nach nur anderthalb Jahren seinen Posten an der Spitze von Microsoft Deutschland aufgab, reagierte der Software-Riese zügig: Schon vier Tage nach der Rücktritts- Ankündigung präsentierte er Gallmann als Nachfolger.

Mit seiner entwaffnend offenen Art erscheint der Süd-Badener wie ein Microsoft-Manager der neuen Art. Statt über Software-Lizenzen spricht er über gesellschaftliche Verantwortung, statt über Linux zu wettern, philosophiert er darüber, was Microsoft dazu beitragen könnte, um die Bildungssituation in Deutschland zu verbessern.

Und die wirtschaftlichen Ziele des weltgrößten Software-Konzerns in Deutschland? Fehlanzeige. "Dazu kann ich nach vier Wochen noch nichts sagen." Welche der groß angekündigten gesellschaftlichen Vorhaben will er denn angehen? "Dazu kann ich ihnen noch keine konkrete Auskunft geben."

Seine unverbindlichen Antworten stören die Mitarbeiter in Deutschland offenbar nicht. Man sei ganz zufrieden mit der Neubesetzung, heißt es in der Münchener Zentrale. Gallmann selbst betont, er wolle ganz im Gegensatz zu seinem Vorgänger von Baden-Württemberg nach München umziehen. Sibold ist stets zwischen der Bodensee-Region und der Isar gependelt.

Der Neue dagegen freut sich auf die bayerische Landeshauptstadt. Er ist begeisterter Skifahrer und Mountain-Biker - "auch Downhill habe ich schon gemacht". In dieser Sportart stürzen sich die Radler mutig steile Alpenhänge hinab. Früher, erzählt er, habe er auch an eine Fußball-Karriere geglaubt. Jetzt ist eine Karriere im Softwaregeschäft daraus geworden. Flexibilität ist anscheinend eine von Gallmanns Stärken.

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München
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