Profil: Lutz wird Entwicklungschef bei General Motors
Bob Lutz: Die Heimkehr des kühnen Veteranen

Ein 69-jähriger Manager soll beim weltgrößten Autokonzern General Motors für frischen Wind sorgen. Sein Name: Bob Lutz. Fast schon legendär ist der Ruf des gebürtigen Schweizers, und kaum einer kennt die drei großen US-Autokonzerne so gut wie er.

NEW YORK. Es ist noch gar nicht lange her, da hatte Bob Lutz nur Bissiges über die neuen US-Autos im Allgemeinen und die Modell-Palette von General Motors im Besonderen zu sagen. Zur Autoshow in Detroit verglich er die Masse der ausgestellten Wagen mit "wütend wirkenden Küchenmixern". Heute würde er sich die Zunge abbeißen für derlei Unfreundlichkeiten. Er spendet viel Lob für GMs Modelle und lobt sogar den schwer verkäuflichen Sportgelände-Wagen Pontiac Aztek über den grünen Klee: "Ein mutiges Auto."

Der Sinneswandel hat einen Grund. Der 69-jährige Autoveteran Bob Lutz ist zum neuen Chef der Produktentwicklung des weltgrößten Auto-Konzerns ernannt worden und geht am Tag seiner Ernennung bereits voll in seiner Rolle auf. Eine Demonstration ist die Anstecknadel, die Lutz an diesem Tag trägt: das Opel-Logo, ein Hinweis auf die gute alte Zeit in Rüsselsheim. Bei der deutschen GM-Tochter hat der Automann vor fast 40 Jahren als Marktanalyst und in der Produktentwicklung gearbeitet - und die Grundlagen für eine Weltkarriere gelegt.

Nun mag das Alter des neuen Entwicklungschefs danach klingen, als solle ausgerechnet ein verdienter Pensionär General Motors wieder auf die Höhe der automobilen Zeit bringen. In Wirklichkeit aber ist Lutz alles andere als eine Notlösung. Seine Ernennung gilt vielmehr als kühner Schritt, um das Image braver Mittelmäßigkeit im Umfeld immer schärfer werdender Konkurrenz aus dem Ausland endlich loszuwerden.

Denn als Entwickler ist Lutz eine Legende. "Es genügt nicht, wenn ein Käufer nur bereit ist, ein Auto zu kaufen, er muss es richtig haben wollen", hat Lutz einmal gesagt. Nach dieser Devise handelnd, hat der ehemalige Pilot der US-Marine nicht nur während seiner Zeit als zweiter Mann bei Chrysler gezeigt, wie man einen müden Autokonzern mit frischen Modellen nach vorne fährt. Berühmt wurden Chryslers Verkaufs-Schlager wie der Jeep Grand Cherokee und der PT Cruiser. Auf ähnliche Bestseller hofft nun auch General Motors. "Lutz war die Schlüsselfigur beim Turnaround von Chrysler", sagt Autoanalyst John Casesa von der Investmentbank Merrill Lynch. Seine Ernennung sei ein Beweis dafür, dass GM es ernst mit der Strategie meine, die Besten anzuheuern, um die eigene Kultur aufzufrischen.

Der in der Schweiz geborene Lutz ist ein echter Auto-Freak, er hat eine teure Sammlung von Oldtimern in der Garage stehen. Doch seine Liebe zur Geschwindigkeit geht über Autos hinaus: Zum Spaß fliegt er einen eigenen Jet aus sowjetischer Produktion. Seit er in den 90er-Jahren den Absturz im eigenen Hubschrauber mit nur ein paar Schrammen überlebt hat, haftet ihm zudem ein Nimbus von Unverletzbarkeit an.

Unbezahlbar ist Lutz Erfahrung. Er kennt die drei großen US-Autokonzerne wie kaum ein anderer. Nach seiner ersten Karriere bei GM wechselte er in den Vorstand von Ford, 1986 ging er zu Chrysler. Er verließ den Konzern 1998, kurz bevor Daimler-Benz einstieg. Offizieller Grund des Rückzugs: das Ruhestandsalter. Inoffiziell wusste jeder, dass Lutz mit Vorstandschef Robert Eaton nicht gut auskam. Doch als altes Eisen fühlte sich der Automann noch längst nicht. So ging Lutz als Chef zum Autobatterie-Hersteller Exide Technologies.

Nun kehrt der Haudegen heim zu GM, die Vorschusslorbeeren sind erheblich, die Aufgabe entsprechend groß. General Motors hat über Jahrzehnte hinweg auf dem wichtigen heimischen Markt ständig Marktanteile verloren - von mehr als 50 Prozent in den sechziger Jahren auf rund 28 Prozent. Nicht nur die Japaner, auch hausgemachte Fehler sind dafür verantwortlich. So hatte Lutz Vorgänger Tom Davis zwar einige erfolgreiche Modelle auf den Weg gebracht, doch vom Hoffnungsträger Pontiac Aztek, der in seinem klobigen Styling eher an ein Feuerwehr- denn an ein Spaßauto einnert, wurden in diesem Jahr erst 18 000 Stück verkauft.

Bei General Motors dürfte Lutz einen Kulturschock auslösen. Mitarbeiter glauben, mit dem GM-üblichen "Abnicken", bei dem sich die Entwickler im durchorganisierten Großkonzern auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen, werde es nun ein Ende haben. Als Chef der Produktentwicklung wird Lutz direkt Vorstands-Chef Richard Wagoner unterstellt sein. Der häufig barsch auftretende Lutz hat damit alle Befugnisse, um einen neuen Stil einzuführen. Wagoner jubelt schon heute: "Lutz ist der herausragende Auto-Mann."

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