PROFIL: Mervyn King wird Chef der Bank von England
Der Aufstieg des Falken

Mervyn King schafft es, nüchterne Konjunkturdaten als "Disco-Tanz" zu verkaufen. Am Donnerstag stellt King wieder seinen Inflationsreport vor, zum letzten Mal als Vizechefder Bank von England.

LONDON. Bei manchen Themen droht Mervyn King sein Pokerface zu verlieren. Wird der künftige Gouverneur der Bank von England auf sein Verhältnis zu britischen Medien und deren Hang zur leichten Übertreibung angesprochen, lässt sich das Unbehagen hinter seinen runden Brillengläsern förmlich spüren. Seine Worte verlieren dann sogar etwas von ihrem diplomatischen Tonfall, auf den der 55-Jährige künftig noch stärker achten muss als bisher.

Er spricht dann von "grotesk verzerrten Geschichten". Da geht es um sein Apartment im Londoner Nobel-Stadtteil Notting Hill, das angeblich 250 000 Pfund ("für den Preis würde ich es sofort verkaufen") Wert sein soll. Oder es geht um sein Image als "Falke" der Zentralbank, der lauter nach höheren Zinsen ruft als die meisten Mitglieder des Geldpolitischen Komitees.

Und bald ist der Mann mit dem vollen grauen Haar dann bei seinem (verhängnisvollen) Satz: "Es kann noch Hunderte von Jahren dauern, bis man weiß, ob sich die britische und die Euro-Wirtschaft aufeinander zubewegen." Seit dieser Äußerung klebt das Etikett "Euro-Skeptiker" fest an ihm. Da half auch keiner seiner Versuche, die Bedeutung seines Satzes nachträglich abzuschwächen. Wie er auch gemeint war: Das Etikett bekommt er so schnell nicht mehr los.

Er wird sich wohl damit arrangieren. Denn King beweist andererseits seit Jahren, dass er mit Medien umgehen kann. Am heutigen Donnerstag tritt er wieder vor die Presse. In London stellt er - zum letzten Mal als Vize-Gouverneur - den Inflationsreport vor, den er quasi erfunden hat. Noch ist unklar, ob er die Studie nach seinem Wechsel an die Spitze der Zentralbank am 1. Juli weiter regelmäßig erstellen lässt, die wichtigen Aufschluss über die Denkweise und Motivation der Bank bei ihren Zinsentscheidung gibt. Es wirkt aber fast wie eine abschließende Ehrung, dass das renommierte Centre for Economic Policy Research ihn kürzlich zum besten Report von 19 Zentralbanken (ohne die amerikanische Fed und europäische EZB) weltweit kürte.

Die Studie ist sicher auch deshalb erfolgreich, weil King das für Laien äußerst trockene Thema "Inflation" in dem schlichten, aulaähnlichen Konferenzsaal der Bank von England alle drei Monate erfreulich frisch rüberbringt. So verglich er einmal die zu erwartenden Konjunkturdaten mit einem Disco-Tanz: "Hektische Bewegungen in unkalkulierbare Richtungen, die für Aufregung sorgen und von großem Lärm begleitet werden."

Auf jeden Fall bestätigt die Auszeichnung einen Mann, dessen ökonomische Brillanz - in Cambridge schloss er als Bester ab - zuweilen polarisiert, der sie jedoch politisch zu nutzen weiß. So stammte der Haushaltsentwurf des konservativen Schatzkanzlers Nigel Lawson von 1988 mit radikalen Steuer-Vereinfachungen und einem deutlich geringeren Spitzensteuersatz aus Kings Feder. Und der Erfolg dieses Konzepts führte ihn geradewegs in die Bank von England - anfangs noch auf einen vorläufigen Sitz, später dann in Vollzeit als Chefökonom.

Doch schon vorher erwarb er sich einen Namen als Steuerexperte, seit er 1984 einen Lehrauftrag an der London School of Economics angenommen hatte. Vorher lehrte er, der auch in Harvard studierte, in Cambridge und Birmingham. Und der frühere US-Finanzminister Larry Summers bezeichnete King als "einen der europäischen Top-Ökonomen" überhaupt.

Doch was King sympathisch macht, ist seine Bodenständigkeit. Er ist nicht jemand, der sich ganz in die Welt der Wissenschaft und der Inflationsstatistiken zurückzieht. Seine Liebe zum Fußball-Klub Aston Villa hätte ihm fast einen Sitz im Vorstand des Vereins eingebracht - hätte nicht seinerzeit der amtierende Bank-Gouverneur, Sir Edward George, sein Veto eingelegt. Gegen Kings Sitz im Beirat des Londoner Symphonie-Orchesters hatte allerdings niemand etwas einzuwenden. Wenn er mehr Zeit hätte, würde er sich gerne noch mehr seinen Hobbys widmen, zu denen Musik, Tennis und europäische Geschichte gehören.

Dafür dürfte er aber erst einmal kaum Muße haben. King ist zu ehrgeizig, um den Kurs seines Vorgängers "Steady Eddie" einfach zu übernehmen. Beobachter erwarten vielmehr, dass der neue Gouverneur das Geldpolitische Komitee der Bank mit stärkerer Hand führen und weniger ausufernde Diskussionen zulassen wird. Die Zinspolitik dürfte sich unter seiner Ägide ändern. Schließlich hat er seit 1997 bei fast jeder fünften Zinsentscheidung anders gestimmt als die Mehrheit seiner Kollegen - jedesmal für höhere Zinsen

. Quelle: Handelsblatt

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