Profil: Peter McHugh ist Chef von My-Travel
Der leise Kämpfer

Er hat viel Erfahrung in der krisengeschüttelten Luftfahrtbranche. Nun soll er My-Travel retten. Peter McHugh stellt beim britischen Reiseveranstalter alles auf den Prüfstand.

LONDON. Der Name klingt noch nach den schottischen Vorfahren, doch Peter McHugh ist ein echter Amerikaner. Und wie die meisten seiner Landsleute würde er an diesem Tag lieber bei seiner Familie sitzen und den obligatorischen Truthahn zu Thanksgiving verspeisen. "Klar, das ist uns heilig", sagt er und lächelt über den Rand der ovalen Intellektuellen- brille. Doch in der Londoner Zentrale der Deutschen Bank gibt es heute für den frisch gebackenen Chef des Reisekonzerns My-Travel nur ein paar Happen vom kalten Buffet.

Presse, Analysten, Mitarbeiter - alle haben an diesem Morgen Fragen an den neuen Mann an der Spitze, der den in die Krise geratenen zweitgrößten Reisekonzern Europas retten soll. Und nach Gewinnwarnungen, Bilanzfehlern und einem Verlust von 72 Millionen Pfund hat McHugh eine gute Nachricht: Endlich haben alle Banken einer Verlängerung der Kreditlinie zugestimmt. Thanksgiving auf britisch.

Der 55-jährige Manager mit dem weichen amerikanischen Englisch weiß, dass er keine leichte Aufgabe übernommen hat. My-Travel, das ist ein Riese mit eigener Flugzeug-Flotte, Kreuzfahrtschiffen, Hotelketten, 25 000 Mitarbeitern und 13 Millionen Kunden. Und My-Travel war stets eine britische Institution. Unter dem alten Namen Airtours wurde der Konzern zum Erfolgssymbol.

Doch die 31-jährige Erfolgsgeschichte wurde vor zwei Monaten, genau am 17. Oktober, auf einen Schlag entzaubert. Vorstandschef Tim Byrne muss schwere Bilanz- und Strategiefehler einräumen und schließlich abtreten. Der Reiseanbieter My-Travel landet erstmals in den roten Zahlen und gilt nach dem Kurssturz als Übernahmekandidat.

Am Samstagmorgen nach dem Showdown klingelt bei McHugh das Telefon. Am anderen Ende ist My-Travel-Gründer und-Chairman David Crossland, der bittet ihn, die Führung zu übernehmen. "Er wusste wohl, dass ich in schweren Zeiten ähnliche Aufgaben gelöst habe", sagt der Amerikaner und lächelt leise. Ob er dabei auf den Vietnamkrieg, wo er Oberleutnant bei den US-Truppen war, oder auf seine 20 Jahre Erfahrung in der krisengeschüttelten Luftfahrt- und Reisebranche anspielt, lässt er offen.

Ums Überleben hat er schon oft gekämpft. Erst erlebt er die Krise bei der US-Fluggesellschaft TWA, dann fliegt er als Top-Manager mit Pan-Am in die Pleite. "Ich glaube, ich habe eine ganz gute Vorstellung von meinem neuen Job", sagt er.

Peter McHugh ist kein lauter Amerikaner. Jeden Satz wählt er überlegt, während er sein Gegenüber offen und forschend ansieht. Die großen Hände hält er meist ruhig auf dem Tisch, wenn er wie ein Arzt seine trockene Diagnose stellt. "Das war ein sehr schlechtes Jahr für uns", sagt er etwa zum Desaster bei My-Travel, aber ohne seinen Vorgänger anzugreifen.

Jedoch besteht der schlanke Mann auf Korrektheit. Er weist stets darauf hin, dass sich alle Buchungsfehler bei My-Travel auf das Geschäft in Großbritannien bezogen. Er war bis zum 17. Oktober für Nordamerika verantwortlich und hat fern von der Firmenzentrale irgendwie wenig mitbekommen. "Mir war bis dahin nicht bewusst, das irgendwas falsch lief", versichert er heute.

Etwas seltsam klingt das schon, weil er doch mit seinem Büro im sonnigen Florida bei den Vorstandssitzungen im trüben Manchester immer zugeschaltet war. Für seine Unwissenheit spricht aber, dass er noch im März Aktien des Konzerns gekauft hat - kurz bevor die erste Gewinnwarnung hinausging.

Das soll sich nicht wiederholen. "Wir müssen uns auf den Gewinn konzentrieren", sagt er, "nicht auf Marktanteile oder Kundenzahlen". Jetzt stellt er den Konzern auf den Prüfstand. Er hat auch die teure Umbenennung von Airtours in My-Travel gestoppt. Wie er den neuen Namen findet, behält er lieber für sich. Aber seine zusammengezogenen Mundwinkel geben Auskunft.

Dass ihn einige Analysten in London eher als zweite Wahl betrachten, sieht McHugh gelassen. Wichtig sei, dass er den ersten Nervenkrieg mit den Banken gewonnen habe. Einen ganzen Vormittag hat er in einem Büro bei der Deutschen Bank in London gebangt. Am Ende fehlte nur noch die Unterschrift der Commerzbank, um die rettende Kreditlinie zu verlängern. Als gegen Mittag endlich der erlösende Anruf kam, soll der stille Amerikaner laut gejubelt haben.

Ob My-Travel sein schwierigster Kampf wird? "Nein, es ist nicht wie in Vietnam und auch nicht wie bei Pan-Am - es ist schon ein viel leichterer Test", sagt Peter McHugh.

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