PROFIL: Shai Agassi ist bei SAP für Technologie-Entwicklung verantwortlich
Das eingekaufte Talent

Als Kind entwickelt Shai Agassi Software und gründet früh eine eigene Firma. Jetzt ist Agassi der neue starke Mann bei SAP. Mancher im Konzern sieht seinen schnellen Aufstieg kritisch.

FRANKFURT. Die neue Machtverteilung im SAP-Vorstand macht amtlich, was sich schon seit Monaten abzeichnet: SAP-Chef Hasso Plattner, dessen Vertrag 2004 ausläuft, zieht sich mehr und mehr aus dem Tagesgeschäft zurück. Die bisher ihm unterstellte Technologieentwicklung, für die ingenieurgetriebenen Walldorfer das Herzstück des Konzerns, wird künftig der 34-jährige Israeli Shai Agassi verantworten.

Damit legt die SAP-Führung nicht nur ein großes Stück Verantwortung auf junge Schultern, sondern erstmals erhält auch ein Ausländer großen Einfluss in dem bisher von Deutschen dominierten Konzern. Ebenso ungewöhnlich für den Walldorfer Konzern: Nachwuchsstar Agassi stammt nicht einmal aus dem eigenen Hause. Vielmehr kam der Jungmanager erst im April 2001 zu SAP. Damals kaufte Plattner das Softwareunternehmen Top Tier und seinen Inhaber und Chef gleich mit.

Agassi hatte sich mit seinem kleinen, rund 200 Mitarbeiter zählenden US-Unternehmen wie viele andere im Silicon Valley auf Internet-Technologie spezialisiert. Und eigentlich wollte er mit seiner Firma 2001 an die Börse gehen. Doch die Zeit dafür war schlecht.

Das dürfte die Bereitschaft Agassis vergrößert haben, seine unternehmerische Selbstständigkeit aufzugeben. Im Februar vor zwei Jahren unterbreitet ihm SAP-Chef Plattner das Angebot, seine Firma Top Tier zu übernehmen. Bereits zuvor hatte SAP Agassis Technologie genutzt, um die als veraltetet geltende SAP-Software für den Einsatz im Internet fit zu machen.

Aber die Aufgabe seiner unternehmerischen Freiheit lässt sich Agassi teuer bezahlen. Sein Unternehmen hat zum damaligen Zeitpunkt einen Jahresumsatz von 20 Millionen Dollar. Aber erst als ihm Plattner rund 400 Mill. Dollar, das Zwanzigfache, bietet, unterschreibt er den Kaufvertrag.

Dass ausgerechnet ein deutscher Großkonzern seine Firma schluckt, stört den in Israel geborenen und aufgewachsenen Agassi nicht. Das sensible und zuweilen schwierige Verhältnis zwischen Deutschen und Juden ist für ihn kein Thema: "Es ist zwei Generationen her." Und Deutschland sei mittlerweile ein anderes Land, kommentiert er entsprechende Fragen.

Da ist es nur folgerichtig, dass er, statt mit dem Geld von SAP das Weite zu suchen, im Unternehmen bleibt. Zunächst als Chef seines in "SAP-Portals" umbenannten Unternehmens. Anfang 2002 ordnet Plattner die Internet-Strategie neu und holt alle Allianzen, Beteiligungen und Tochtergesellschaften als Konzernbereich in die Walldorfer Zentrale: unter der Leitung von Shai Agassi.

Seitdem ist der eher kleine und schmächtige Mann unterwegs: "Mein Zuhause ist ein Fensterplatz bei United Airlines", witzelt er. Ein Drittel seiner Zeit schwebt er von Kundentermin zu Kundentermin rund um die Welt, ein Drittel verbringt er in Deutschland und ein weiteres in den USA, wo seine Frau und seine beiden Söhne leben.

Mit der Wahl in den direkt Plattner unterstellten Produkt- und Technologieausschuss wird Agassis Rolle im Konzern immer klarer: Er soll künftig die Entwicklung der Softwaretechnologie bei SAP lenken. Eine Aufgabe, die ihm liegen dürfte. Er gilt als mindestens ebenso technikverliebt wie sein Ziehvater Plattner. Schon mit sieben Jahren programmiert Agassi seine ersten Software-Anwendungen. Nach dem College-Abschluss 1990 gründet er mit QuickSoft seine erste eigene Firma für den Vertrieb von Software. Mit im Boot ist sein Vater Reuven Agassi, ein Ex-Colonel der israelischen Armee und Telekommanager. Doch das Duo gibt sich damit nicht zufrieden. 1992 wird Top Tier geboren, 1993 folgt Top Manage, das im März 2002 ebenfalls von SAP gekauft wird.

Die Übernahme seiner Firmen wird für Agassi zum Karriere-Sprungbrett in die erste Liga der Softwareindustrie. Ob der Schwung aber ausreicht, um sogar das höchste Amt bei SAP zu übernehmen, ist offen. Er bringt zwar eine wichtige Eigenschaft für eine Top-Führungskraft mit: Er bleibt selbst bei großer Hektik immer ruhig. Aber diese Eigenschaft braucht er schon, um den Erwartungsdruck auszuhalten, der auf ihm lastet. Bei SAP gibt es nicht wenige, die seinen schnellen Aufstieg kritisch sehen: Er müsse erst einmal beweisen, dass er in einem Großkonzern wie SAP dauerhaft erfolgreich sein könne. Außerdem gilt er für den obersten Chefposten ohnehin als zu jung und unerfahren.

Quelle: Handelsblatt

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