Profil über den wohl bekanntesten Kriegsfotografen: Der Ästhet des Grauens

Profil über den wohl bekanntesten Kriegsfotografen
Der Ästhet des Grauens

"Ich suche nach Bildern, die die menschliche Seite dessen zeigen, was sonst nur abstrakt bleibt", sagt James Nachtwey. Seit 20 Jahren hat "der wohl am meisten bewunderte Kriegsfotograf unserer Zeit" ("Chicago Tribune") in den Krisengebieten dieser Welt fotografiert und keinen einzigen Krieg ausgelassen: Kosovo, Ruanda, Nordirland, Somalia, Sri Lanka, Afghanistan . . .

Auch den Krieg im Irak wird der 54-Jährige dokumentieren - entweder vom Zentrum des Geschehens aus oder aus einer der umliegenden Regionen. Der genaue Aufenthaltsort des Fotografen sei jedoch noch vertraulich, sagt Ashley Woods, Managing Editor der exklusiven Fotoagentur VII. "Aber James ist immer im Zentrum des Geschehens."

Was treibt einen Fotografen in Kriegs- und Krisengebiete, zu Tod, Hunger und Zerstörung? Was bringt ihn dazu, nicht auszublenden, sondern genau hinzuschauen, das Objektiv scharf zu stellen, zu zielen und den Auslöser zu drücken? Nachtwey ist auf der Suche nach dem einen Bild, das die allgemeine Reizüberflutung zu durchdringen vermag. Ein Foto, das den Betrachter schockiert, ihn innehalten lässt. Das gelang ihm zum Beispiel mit der Schwarz-Weiß-Aufnahme eines jungen Hutu. Dutzende Narben auf dem Schädel des Afrikaners zeugen von den Machetenhieben, die seine Stammesgenossen ihm zufügten.

"Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass wir auf Kriege und Konflikte, die wir abbilden, Einfluss nehmen können", sagt Nachtwey, den Fotos aus dem Vietnamkrieg veranlassten, Kriegsfotograf zu werden. Dass er im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen kein zynischer Mensch geworden ist, liegt wohl daran, dass er an seine Arbeit glaubt. "Zynisch werden hieße aufzugeben, weil man glaubt, nichts auszurichten", sagt er. Dass einige Kritiker seine Haltung für naiv halten, stört ihn wenig.

Seine Bilder brachten Nachtwey zahllose Preise und Auszeichnungen ein - darunter die prestigeträchtige Robert Capa Gold Medal, die er gleich fünf Mal gewann, und der World Press Foto Award, den er zwei Mal erhielt. Bereits sechs Mal wurde er zum Magazinfotografen des Jahres gekürt. Und der Schweizer Filmemacher Christian Frei ehrte ihn mit einem Film.

Auch Kollegen äußern sich anerkennend. "Durch seine Kontinuität über die Jahre hinweg hat er eine beeindruckende historische Dokumentation geschaffen", sagt Ron Haviv, Mitinhaber der Foto-Agentur VII, an der auch Nachtwey beteiligt ist. "Er ist ein Vorbild für das, was ich als Fotograf zu erreichen hoffe."

Selten redet Nachtwey über seine Arbeit

Bei so viel Lob müht sich Nachtwey, nicht den Verführungen des Ruhms zu erliegen. "Für mich wäre es das Schlimmste, zu fühlen, dass ich von dem Leid anderer profitiere", sagt er. "Wenn echtes Mitgefühl von persönlichen Ambitionen überholt wird, dann habe ich meine Seele verkauft", ist der schlanke, grauhaarige Mann überzeugt. Er ist gepflegt, konzentriert und denkt lange nach, bevor er Fragen beantwortet - wenn er es überhaupt tut. Selten redet er über sich und seine Arbeit. Lieber lässt er die Bilder sprechen.

So war er bei den Terroranschlägen auf das World Trade Center in New York aus nächster Nähe dabei. Als die Lobby des Millennium Hotels am Fuße der Zwillingstürme von Geschuttmassen überrollt wurde, rettete er sich in die Stahlkabine eines Aufzugs. Seine Bilder aus der Mitte des Geschehens sorgten weltweit für Aufmerksamkeit. Mehr als 600 000 Menschen klickten innerhalb der ersten 24 Stunden nach den Anschlägen auf die Webseite des US-Magazins Time, das die Bilder zeigte. Für Nachtwey war es ein wichtiges Signal dafür, dass Fotografien trotz Fernseh-Liveschaltungen einen bedeutenden Platz in der Medienlandschaft haben.

Einige Kritiker werfen ihm vor, seine Bilder seien zu ästhetisch, um die Wirklichkeit abzubilden. "Ich bin mir nicht sicher, dass es etwas Schönes an einem verhungernden Mann gibt", hält der Amerikaner dagegen. Wenn der Betrachter Schönheit in den Bildern finde, dann liege das daran, dass die Schönheit schon vorher existiert habe.

Sein Werk aus den vergangenen zwei Dekaden ist ein Archiv des Schreckens. Dennoch wird er im Irak-Krieg wieder fotografieren - Zeuge sein, wie er es nennt. "Schon vor vielen Jahren dachte ich, dass ich schon zu viel gesehen habe und dass ich keine Tragödien mehr sehen möchte", sagt er. "Aber leider geschehen weiter Tragödien auf dieser Welt. Ich habe die Verantwortung weiterzumachen."

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