Profil: Werner Wenning hat schon als Lehrling bei Bayer gearbeitet
Härtetest für Schneiders Erbe

Für Werner Wenning waren die letzten Tage wohl die schwersten in seiner Karriere. Laufend musste der Bayer-Finanzvorstand Fragen zum Medikament Lipobay beantworten - eine Belastungsprobe für den möglichen Nachfolger von Konzernchef Manfred Schneider.

Nichts ist bei Bayer mehr so, wie es war. Es herrscht Ausnahmezustand, seit der Konzern am vorigen Mittwoch seinen größten Hoffnungsträger, den Cholesterinsenker Lipobay, vom Markt genommen hat. Im Gesicht von Werner Wenning, dem Bayer-Finanzvorstand, spiegelt sich die prekäre Lage an diesem Montagmorgen deutlich wider. Mit ernster Miene sitzt er neben Vorstandschef Manfred Schneider der versammelten Presse gegenüber und tut das, was er schon seit sechs Tagen zu tun versucht: in möglichst sachlichem Ton die großen finanziellen Einbußen darzulegen, die Bayer im Pharmageschäft nicht nur wegen Lipobay hinnehmen muss.

Gefasst wirkt der Manager mit dem vollen blonden Haar und dem exakten Seitenscheitel, als er von 600 Millionen Euro Gewinnrückgang wegen der Rücknahme und von weiteren 350 Millionen wegen anhaltender Produktionsprobleme beim Medikament Kogenate berichtet. Zum x-ten Mal wiederholt er dies nun schon vor Journalisten und Analysten. Doch ist dem Mann der Zahlen bei Bayer noch die Nervosität anzumerken, wenn er prüfend in die Runde blickt.

Viel verändert hat sich auch für Werner Wenning, denn für den Finanzvorstand waren die zurückliegenden sieben Tage wohl die härtesten seines bisherigen Berufslebens. Als der Lipobay-Fall bekannt wurde, stellte er sich in Telefonkonferenzen der Presse und den Finanzfachleuten und jettete gleich nach London, um sich den kritischen Fragen der Analysten zu stellen. Es kam für ihn und Bayer knüppeldick: Fast alle Banken stuften die Bayer-Aktie herab, der Kurs stürzte um 17 Prozent ab, und zusätzlich drohen Klagen wegen Lipobay.

Ohnehin hat Wenning in diesem Jahr keinen einfachen Job. Am vorigen Mittwoch musste er zum dritten Mal vor die Finanzwelt treten und erklären, dass der Chemie- und Pharmariese seine Gewinnziele nicht erreichen wird - ein Trauma für jeden Finanzvorstand.

Aber vielleicht sind die Negativmeldungen ein guter Härtetest für den hoch gewachsenen 54-Jährigen. Schließlich hat er noch Höheres vor. Wenning gilt als aussichtsreichster Kandidat, der Manfred Schneider auf dem Chefposten bei Bayer ablösen könnte. Offiziell ist zwar in der Leverkusener Zentrale noch nichts beschlossen. Doch geht jeder Beobachter davon aus, dass Wenning nächstes Jahr an die Spitze von Bayer rücken wird. Wenn es so kommt, wird er einen veränderten Konzern übernehmen: Bayer steht nach dem Lipobay-Rückzug vor einer schwierigen Neuausrichtung im Pharmageschäft.

Die bevorstehenden, unbequemen Entscheidungen will der Finanzchef im kämpferischen Sinne sportlich angehen. Wenning kennt kritische (Sport-)Situationen aus seiner Tätigkeit als Vorsitzender des Gesellschafterausschusses der Bayer 04 Leverkusen Fußball GmbH: Bei den Profi-Kickern musste er schon während der Kokain- Affäre um Ex-Trainer Christoph Daum eine brenzlige Lage meistern.

Wenning empfiehlt sich als künftiger Chefmanager des Bayer-Konzerns nicht nur mit seiner sachlichen und verlässlichen Art oder seinem immensen Arbeitspensum, sondern vor allem mit seiner Historie: Wenning ist ein Eigengewächs und erfüllt so eine inoffizielle Voraussetzung für den Sprung ins oberste Management. Er fing 1966 als Lehrling bei Bayer an, arbeitete später in Führungspositionen in Peru und Spanien und übernahm 1996 die Leitung des Konzernbereichs Koordinierung und Controlling. Ein Jahr später stieg er zum Finanzvorstand auf.

Bei Analysten hinterlässt der bescheiden wirkende Vater zweier Kinder einen soliden Eindruck. Sie trauen ihm zudem mehr "Progressivität" zu als dem Noch-Chef Manfred Schneider, der als eher konservativer Konzernlenker gilt und bislang wenig an der Bayer-Struktur ändern wollte.

Bevor Werner Wenning an die Bayer-Spitze rückt, muss er aber erneut Sachlichkeit und Überzeugungskraft beweisen. Im Herbst will er den Konzern zusammen mit Schneider an die New Yorker Börse bringen. Die Roadshow vor den kritischen US-Investoren dürfte für den Finanzchef angesichts der aktuellen Probleme ein weiterer Kraftakt werden.

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