Profil: Willi Berchtold gilt als durchsetzungsstark
Deutschlands führender Gelddrucker

Der Mann hat die Lizenz zum Gelddrucken. Denn Willi Berchtold ist nicht Chef eines gewöhnlichen Unternehmens. Der 50-Jährige ist Vorsitzender der Geschäftsführung des Münchener Traditionskonzerns Giesecke & Devrient (G&D). Der Name allein riecht fast schon nach Geld. Das Familienunternehmen druckt die Hälfte aller deutschen Banknoten und stellt derzeit mit Hochdruck rund zwei Milliarden Euro-Scheine her. Doch G&D macht nicht nur Euro, das Unternehmen produziert Geldscheine für rund 50 Staaten der Erde.

HB MÜNCHEN. Berchtold führt G&D seit gut zwei Jahren. Sein Auftrag: Das bis Ende der neunziger Jahre als verschlafen geltende, 149 Jahre alte und durch eine Krise erschütterte Unternehmen soll zu einem internationalen High-Tech-Konzern umgebaut werden.

Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Denn das früher so lukrative Geschäft mit dem gedruckten Geld läuft nicht mehr so gut. Überkapazitäten im europäischen Banknotendruck belasten den Ertrag. Zudem wird der gegenwärtige Auftrags-Boom wegen der Herstellung der Euro-Scheine bald schon abflauen. Zwar forciert G&D gleichzeitig das Chipkarten-Geschäft. Doch auch hier ist die internationale Konkurrenz hart. Außerdem sind hohe Investitionen in neue Technologien notwendig.

Aber Berchtold gilt als zupackend, durchsetzungsfähig und kommunikativ. Der gebürtige Badener - geboren in Singen, aufgewachsen in Konstanz - studierte Wirtschaftswissenschaften in Pforzheim und Duisburg und kam 1978 zum Computerkonzern IBM. Hier machte er schnell Karriere, übernahm auch internationale Führungsaufgaben und stieg schließlich 1995 zum Deutschland-Geschäftsführer auf. Im Oktober 1998 wechselte er dann zu G&D nach München.

Das war wie der Aufprall zweier Welten: Einerseits die vornehme, immer durch diskrete Zurückhaltung geprägte Atmosphäre bei G&D. Andererseits der hemdsärmelig wirkende, von der amerikanischen IBM-Kultur spürbar geprägte Berchtold.

Doch der passionierte Hobby-Segler - ein Boot liegt am Bodensee, das andere vor der Mittelmeerinsel Ibiza - ist Gegenwind gewohnt. Zudem hat er beim geplanten Umbau die volle Unterstützung der beiden Inhaberfamilien der zwei Töchter des inzwischen verstorbenen Eigentümers Siegfried Otto.

Berchtold brach nach seinem Amtsantritt mit Traditionen. So führte er eine leistungsabhängige Entlohnung des Top-Managements ein. Zudem gründete er zwei eigenständige Aktiengesellschaften: Die Secartis AG arbeitet an Softwarelösungen für das E-Business, die C AG-Pays engagiert sich im Zukunftsmarkt elektronisches Bezahlen. Beide Tochtergesellschaften sollen in etwa zwei Jahren an den Neuen Markt gebracht werden.

Berchtold hat bereits einiges in Bewegung gesetzt. Allein in den beiden letzten Jahren erhöhte sich der Umsatz um 700 Mill. auf über 2 Mrd. DM. Weltweit beschäftigt G&D rund 6 000 Mitarbeiter. Doch der Vater zweier Söhne musste in seiner kurzen Amtszeit auch schon Rückschläge einstecken. Erst im vergangenen Sommer sorgte eine delikate Panne für Schlagzeilen: Beim Druck der neuen, noch absolut geheimen 100-Euro-Noten passierte ein kleiner Fehler. Die Europäische Zentralbank, die Bundesbank und die Öffentlichkeit gerieten in helle Aufregung. Jetzt werden die etwa 320 Millionen fehlerhaften Geldscheine aufwändig nachgebessert. Böse Erinnerungen an die 90er Jahre wurden wach, als ein Steuerskandal um den damaligen Inhaber Otto das Unternehmen erschütterte. Erst Berchtolds Vorgänger Hilmar Dosch, langjähriger Chef der Heidelberger Druckmaschinen, brachte als Übergangschef wieder Ruhe in den Konzern. Die Angst vor einem dauerhaften Imageschaden für G&D war auch bei der jüngsten Panne wieder groß, doch inzwischen haben sich die Wogen geglättet.

Auch beim geplanten Kauf der Bundesdruckerei musste Berchtold eine Schlappe hinnehmen. Das Staatsunternehmen, in Deutschland ärgster Konkurrent der Münchener, ging für rund 2 Mrd. DM an die internationale Investmentfirma Apax. Berchtold hatte deutlich weniger geboten und kam nicht zum Zuge. Ein Kauf habe sich einfach nicht gerechnet, sagt Berchtold heute.

Er will das Geld lieber in Zukunftstechnologien stecken. Im kommenden Jahr, wenn der Konzern sein 150-jähriges Bestehen feiert, wird der Chipkartenbereich voraussichtlich erstmals so viel Umsatz erreichen wie das Traditionsgeschäft mit Geldscheinen und Banknoten-Bearbeitungsmaschinen. Der Wert von G&D wird heute auf über 4 Mrd. DM geschätzt.

Für den Konzern im Umbruch gibt es derzeit zwar keine Börsenpläne. Doch Berchtold will ein Going Public nicht für alle Zeiten ausschließen. Schließlich liegen die wirklich spannenden Ziele auch für Segler immer hinter dem Horizont.

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