Profis verlassen den Markt
Der Ausverkauf geht in die letzte Runde

Institutionelle Investoren ziehen sich nach den neuen Tiefständen von der Börse zurück. Niemand will jetzt Risiken eingehen. Da interessiert es wenig, dass deutsche Firmen "billig" sind und viel Dividendenrendite bringen.

DÜSSELDORF. Die Fakten sprechen für steigende Kurse, doch Investoren halten dagegen. Die Angst vor einem Irak-Krieg und Sorgen über die wirtschaftliche Entwicklung überschatten alle Chancen am Aktienmarkt. "Den Krieg vor Augen will jeder nur verkaufen", sagt Haruki Takahashi von UFJ Tsubasa Securities.

Während Händler an der Börse in Tokio, wo der Nikkei-Index erstmals seit 20 Jahren unter 8 000 Punkte fiel, panikartige Verkäufe registrierten, sprachen Marktteilnehmer in Europa von einem schleichenden Ausverkauf. Dieser wird von dünnen Umsätzen begleitet. Seit Tagen werden in Deutschland rund ein Drittel weniger Aktien gehandelt als üblich.

Das erstaunt auf den ersten Blick, weil stark fallende Märkte häufig von hohen Umsätzen begleitet sind. Im Herbst 2001 und 2002, als der Deutsche Aktienindex (Dax) sehr rasch gefallen war, wechselten an vielen Tagen doppelt so viel Aktien den Besitzer als üblich. Doch anders als bei den Crashs 2001 und 2002 sorgen diesmal nicht Verkäufe, sondern fehlende Käufe für die Talfahrt. Niemand wagt sich derzeit in den Markt. "Wir erleben einen Käuferstreik", sagt Rolf Stegemann- Kühnert, Händler bei der ING BHF-Bank. "Weil sich kaum jemand auf die Kaufseite traut, reichen kleine Absicherungsverkäufe, um den Markt tief zu drücken", meint ein Händler bei HSBC.

Neben der Kriegsangst lasten wirtschaftliche Schwierigkeiten und Sorgen auf den Kursen. "Aus Angst vor Arbeitslosigkeit kaufen Anleger keine Aktien. Die Unternehmen werden ihre Schulden nicht los, und Investoren haben Angst, dass Firmen pleite gehen", sagt Stegemann-Kühnert. Gestern hätten vor allem institutionelle Anleger Bestände verkauft, nachdem die wichtige Marke bei 2 400 Punkten im Dax gebrochen sei. "Überall herrscht Resignation - bei Institutionellen, aber auch in Gesprächen mit einzelnen Kunden hören wir Resignation. Und wer kann das verdenken?" fragt sich Händler Stegemann-Kühnert.

Untersuchungen belegen die Skepsis. Jüngste Befragungen bei 1 000 privaten und institutionellen Anlegern im "Sentix-Stimmungsbarometer" zeigen, dass vor allem professionelle Investoren ihren Investitionsgrad stark zurückgefahren haben (siehe Grafik). 45 % der Institutionellen sind gemessen an ihrer durchschnittlichen Quote jetzt nur noch zwischen 0 % und 50 % investiert. Im Februar war nur ein Viertel der Profis so stark unterinvestiert. "Derart extreme Positionen gab es zuletzt im Oktober 2002", sagt Researchmanager und Sentix-Erfinder Manfred Hübner. Damals waren die Börsen anschließend um mehr als 20 % gestiegen. "Der Investitionsgrad ist auch jetzt extrem nach unten gegangenen. Entweder wir sehen jetzt das Tief oder aber in sehr wenigen Tagen nach panikartigen Verkäufen. Die Märkte haben die Kriegsangst schon sehr gut abgedeckt. Die Anleger sind hypersensibilisiert", sagt Hübner. Weil die Angebotsseite stark ausgedünnt sei, erwartet er schon bald eine Kursreaktion nach oben.

Wie sehr Investoren derzeit auf fallende Kurse setzen oder sich gegen sie absichern, zeigen die 1,6 Millionen Verkaufskontrakte auf den Euro-Stoxx-50. Eine höhere Zahl gab es noch nie. Dabei sprechen die Bewertungen für steigende Kurse: Seitdem der Dax unter die Marke von 2 400 Punkten und damit auf ein Sieben-Jahres-Tief gefallen ist, liegt die durchschnittliche Dividendenrendite bei allen 30 Werten über 3 %. Das ist der höchste Stand seit Ende der achtziger Jahren. Ursache sind nach Berechnungen der Landesbank Baden-Württemberg eine Kombination aus Kursverlusten - bei Kursrückgängen steigt bei gleichbleibender Dividende die Rendite - und die Bemühungen vieler Unternehmen um Dividendenkontinuität. Daimler-Chrysler beispielsweise hatte sogar eine Erhöhung der Ausschüttung um 50 % auf 1,50 Euro angekündigt.

Auf deutlich unter eins und damit den tiefsten Stand seit der Baisse 1973/74 ist das gewichtete Kurs-Buch- wert-Verhältnis der Dax-Unternehmen gefallen. Das bedeutet, die 30 größten börsennotierten deutschen Firmen zusammen kosten derzeit weniger, als es ihrem Vermögen abzüglich der Schulden entspricht.

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