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Profit mit Pinguinen

An Linux-Aktien hatten Anleger bislang nicht viel Freude. Doch es keimt neue Hoffnung: Großunternehmen haben die Vorzüge des Betriebssystems entdeckt.

27/28.4.2001 Warum können Pinguine nicht fliegen? Antwort: Was nicht fliegt, kann auch nicht abstürzen. Mit solchen Sprüchen macht sich die weltweite Linux-Gemeinde Mut. Deren Maskottchen ist ein Pinguin, die Absturzsicherheit ein wichtiges Argument für den Einsatz des Betriebssystems. Leider gilt dieser Vorzug nicht für die Aktien börsennotierter Linux-Anbieter. Nach fulminanten Höhenflügen zum Börsenstart legten die Unternehmen dramatische Bruchlandungen an den Finanzmärkten hin. So schoss etwa VA Linux am ersten Handelstag im Dezember 1999 vom Ausgabekurs bei 30 Dollar auf 250 Dollar - ein Plus von 735 Prozent. Mittlerweile notiert das Papier bei 2,80 Dollar.

Ob Linux-Aktien auf dem derzeitigen Niveau wieder attraktiv für Anleger sind, darüber streiten die Experten. Skeptiker argumentieren, dass es grundsätzlich schwierig sei, mit einem Betriebssystem Geld zu verdienen, das man sich kostenlos im Internet herunterladen könne. Linux-Freunde halten dagegen, dass der freie Zugriff auf den Quellcode des Systems gerade die Stärke des Pinguin-Programms sei. Die Linux-Gemeinde könne so ständig an Verbesserungen des Systems arbeiten. Geld verdienten die Unternehmen in Zukunft ohnehin nicht mit dem Verkauf des Programms, sondern mit Beratung und Service. Linux gewinne ständig neue Markanteile hinzu und sei eine schlagkräftige Alternative zu Microsofts Windows.

Linux wurde von dem finnischen Programmierer Linus Torvald entwickelt und ist mit dem Unix-System verwandt. Betriebssysteme übernehmen im Computer die Funktion eines "Chef-Programms", das den Einsatz der Rechner-Ressourcen und untergeordneter Programme steuert. Unter Experten genießt Linux dabei einen Ruf als flexibel anpassbares und solides System. Lange allerdings galt das Pinguin-Programm lediglich als System für Universitäten und Computer-Freaks.

Die jüngsten Entwicklungen geben Linux-Freunden Anlass zur Hoffnung. Denn immer mehr Großunternehmen nutzen das offene Betriebssystem. So will etwa der Shell-Konzern einen der weltweit größten Computer auf Linux-Basis bei der Suche nach neuen Ölfeldern einsetzen. Auch die US-Baustoffmarktkette Home-Depot plant, 90 000 auf Linux basierende Systeme in ihren Geschäften zu installieren. Nach einer Studie der International Data Corporation (IDC) wurden im Jahr 2000 insgesamt 27 Prozent der verkauften Server mit dem System ausgestattet, im Jahr zuvor waren es noch 24 Prozent, 1998 betrug der Anteil 17 Prozent. Damit wächst Linux schneller als der Platzhirsch Microsoft, der es im Jahr 2000 auf einen Marktanteil von 41 Prozent brachte. Das US-Finanzunternehmen WR Hambrecht rechnet mit einem Anstieg des Linux-Umsatzes von zwei Milliarden Dollar im Jahr 2000 auf über elf Milliarden Dollar im Jahr 2003. "Der Markt für Linux Produkte ist da, und er wächst kontinuierlich", sagt Christian Egle vom deutschen Linux-Spezialisten Suse, der sich als Marktführer in Europa betrachtet, bislang aber nicht börsennotiert ist. "Allerdings wird das Wachstum nicht so euphorisch beurteilt, wie viele noch im vergangenen Jahr geglaubt hatten."

Fraglich ist, wer letztendlich vom Linux-Trend profitieren kann. Denn große Computerunternehmen sind längst auf das Potenzial des Systems aufmerksam geworden. So steckt etwa IBM 1,3 Milliarden Dollar in die Entwicklung des Programms und öffnete

Unter den größten börsennotierten Linux-Anbieter favorisieren die meisten Analysten derzeit Red Hat. Die Gesellschaft verfügt über den weltweit größten Anteil am Linux-Softwaremarkt und will in diesem Jahr erstmals einen Gewinn je Aktie ausweisen. "Red Hat hat sich durch Beratung und Internetservice gut positioniert", lobt Analyst Prakesh Patel von WR Hambrecht. Beim Wettbewerber Caldera ist die Profitabilität hingegen noch ebenso weit entfernt wie beim Hardwareunternehmen VA Linux, das im Wettbewerb zu Sun steht. VA Linux will im Oktober 2000 die Gewinnschwelle erreichen.

jüngst auch das konzerneigene Unix-Betriebssystem für Linux-Anwendungen. Analysten vermuten, dass IBM Linux dazu einsetzt, um der eigenen Hardware größere Absatzchancen zu ermöglichen. Auch Workstation-Riese Sun ist aktiv: Im vergangenen Jahr übernahm er den renommierten Anbieter von Linux-Servern Cobalt Networks.

Potenzielle Linux-Aktionäre können daher auch auf die High-Tech-Giganten setzen, erhalten aber bei dieser "Linux-Light"-Version natürlich auch jede Menge Geschäftsbereiche, die nichts mit dem Pinguin-Programm zu tun haben. Wer direkt von den Linux-Chancen profitieren will, kommt an den reinen Linux-Anbietern nicht vorbei - braucht aber gute Nerven. "Aktien wie Red Hat und VA Linux machen die Bewegungen der Nasdaq grundsätzlich mit - sind dabei aber deutlich volatiler", erläutert Ulrich Wolf, stellvertretender Chefredakteur der Branchenheftes "Linux Magazin".

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