Prognos veröffentlicht neue Langfristig-Projektion für Deutschland
Abwanderung aus dem Osten hält bis 2020 an

Die Bundesrepublik steht wie Westeuropa vor dem Problem der Überalterung und der abnehmenden Einwohnerzahl. Besonders dramatisch ist der Bevölkerungsschwund, den die Baseler Zukunftsforscher in Ostdeutschland erwarten. Der Aufholprozess wird deshalb auch in zwanzig Jahren noch nicht zu Ende sein.

ari DÜSSELDORF. Unabhängig davon, wer in der nächsten Legislaturperiode und danach deutscher Regierungschef sein wird, Ostdeutschland bleibt das Sorgenkind. Diese Erkenntnis vermittelt der neue Deutschland-Report der Prognos AG, Basel, der bis zum Jahr 2020 reicht. Die Altersstruktur, die Abwanderung und der Fachkräftemangel werden sich danach in den neuen Ländern ungünstiger entwickeln, als das Institut noch vor vier Jahren erwartet hatte. Das belastet den Standort Ost und bremst das Wachstumstempo.

Konsequenz: Der Aufholprozess wird auch in knapp 20 Jahren noch nicht zu Ende sein. Nach der Prognos-Projektion wächst das ostdeutsche reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) bis 2020 jährlich um durchschnittlich 1,9 % und damit genauso schnell oder langsam wie in den West-Ländern. Der Beitrag zum gesamtdeutschen BIP bliebe bei rund 11 % stehen. Zudem wird die Produktivität - das BIP je Erwerbstätigen - auch 2020 noch nicht das Westniveau erreicht haben. Die Zukunftsforscher erwarten lediglich eine Annäherung auf 83 % von heute etwa 70 %.

Wesentlicher Grund für die schlechten Aussichten im Osten ist eine absehbare dramatische Entwicklung der Bevölkerungsstruktur. Seit Jahren ist die Geburtenrate niedriger als im Westen. Schon das allein sorgt dafür, dass die Überalterung, die auch Folge der längeren Lebenserwartung ist, schneller abläuft als in den alten Ländern. Zudem geht Prognos davon aus, dass die Abwanderung von Personen im erwerbsfähigen Alter in den Westen anhält. Bis 2010 wird die Nettoabwanderung auf 500 000 Personen, in den folgenden zehn Jahren auf weitere 150 000 geschätzt. Und: Prognos rechnet damit, dass die Zuwanderung aus dem Ausland in Ostdeutschland gering bleibt.

Unter dem Strich dürfte die Einwohnerzahl in den fünf neuen Ländern deshalb in knapp 20 Jahren um 9 % oder 1,2 Millionen sinken. Die Zahl der unter 65-Jährigen nehme um zwei Millionen oder 18 % ab, die der Älteren um 800 000 oder 35 % zu, schreibt Prognos. Im Westen sei dagegen noch ein kleines Einwohner-Plus zu erwarten - Folge der Zuwanderungsgewinne aus dem Ausland und aus Ostdeutschland. Für ganz Deutschland reicht dies nicht: Die Bevölkerungszahl wird 2020 mit 81,3 Millionen rund eine Million niedriger sein als heute - trotz einer Nettozuwanderung aus dem Ausland um jährlich etwa 175 000 Personen.

Gravierend sind auch die Verschiebungen in der Altersstruktur. 2020 werden 100 Personen im erwerbsfähigen Alter (zwischen 20 und 64 Jahren) 37 Rentner, im Osten sogar 44 Rentner gegenüberstehen. Heute sind es 27. Prognos rechnet deshalb mit einem Anstieg der Beitragssätze auf 20,7 % in der Renten-, 15,5 % in der Kranken- und 2,3 % in der Pflegeversicherung. Lediglich für die Arbeitslosenversicherung sei ein Rückgang auf unter 5 % möglich. Mehr ist nicht drin, weil das Institut selbst 2020 vor allem aus strukturellen Gründen noch 2,7 Millionen Arbeitslose erwartet nach 3,5 Millionen im Jahr 2010. Die Summe der Sozialversicherungsbeiträge würde damit von rund 41 % auf 43,2 % zulegen.

Die demographische Entwicklung erhöht aber nicht nur die Arbeitskosten, sie bremst auch die Wachstumsaussichten, selbst wenn die Erwerbsbeteiligung zunimmt. Denn der Wirtschaft werden Arbeitskräfte fehlen - insbesondere qualifizierte -, zudem verringern sich die Absatzchancen im Inland. Das dürfte die Investitionsneigung nach 2010 dämpfen. Das Demographieproblem betrifft ganz Westeuropa. Das Wirtschaftswachstum, das Prognos für die EU bis 2020 jährlich auf rund 2 % veranschlagt, ist deshalb nur unwesentlich höher als das für Deutschland und deutlich niedriger als das der Weltwirtschaft von 2,6 %.

Wie Ende 1998 rechnen die Baseler Forscher damit, dass sich der Strukturwandel zur Dienstleistungsgesellschaft fortsetzt. Aber auch die Industrie werde weiter wachsen - indes deutlich langsamer. In Ostdeutschland sieht Prognos sogar eine höhere Dynamik bei Industrie und Dienstleistern. Doch sie wird durch den hohen Anteil des Baugewerbes an der Bruttowertschöpfung gebremst: Denn der Bau braucht wie die öffentliche Hand noch Jahre, Überkapazitäten abzubauen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%