Prognose korrigiert
SAP erstmals seit Börsengang mit Verlust

Der Softwarekonzern SAP hat im zweiten Quartal zum ersten Mal seit seinem Börsengang Verluste geschrieben und wegen einer anhaltenden Nachfrageflaute seine Umsatzerwartungen gesenkt. Die Nachricht löste bei der Aktie einen Kurssturz von bis zu 20 Prozent aus.

Reuters WALLDORF. "Unsere Interessenten investieren unverändert vorsichtig in Software. Dieses Kaufverhalten sehen wir nun als beständiges Merkmal unseres Marktes an", erklärte Vorstandssprecher Henning Kagermann am Donnerstag in einer Telefonkonferenz. Ändere sich daran nichts, werde SAP 2002 den Umsatz nur um fünf Prozent und nicht wie bisher gedacht um 15 Prozent steigern können.

Um die Rendite zu halten, greift der Branchenprimus zu Sparmaßnahmen und einem Einstellungsstopp. Auch bei den Beteiligungen sieht SAP kein Licht am Ende des Tunnels. Seine 20 Prozent an dem US-Internet-Unternehmen Commerce One bewertete der Konzern nur noch mit 22 Millionen Euro statt mit bisher 340 Millionen Euro. Vor allem deswegen sei in den vergangenen drei Monaten ein Verlust von 235 Millionen Euro nach Steuern aufgelaufen, hieß es.

Das operative Ergebnis von SAP blieb mit 326 Millionen Euro nur leicht hinter den Erwartungen von Analysten zurück, obwohl der Konzernumsatz um vier Prozent auf 1,78 Milliarden Euro sank. Auch der Umsatz mit Software-Lizenzen war mit 496 Millionen Euro 23 Prozent niedriger als ein Jahr zuvor. Vor allem die Geschäftsentwicklung in Europa und Japan habe enttäuscht, sagte Kagermann. Im Vergleich zur Konkurrenz habe man sich aber behauptet. Die Aufträge seien nicht verloren, sondern nur verschoben worden. "Die Mega-Deals werden weniger und kleiner", räumte Co-Vorstandssprecher Hasso Plattner ein. Nur wenn das Marktumfeld sich verbessere, sei 2002 ein Umsatzwachstum von zehn Prozent möglich.

"Wir warten nicht, dass die großen Geschäfte wiederkommen", sagte Kagermann. Stattdessen sollten nun die Kosten für Werbung und für unternehmensfremde Dienstleister reduziert werden, um die angepeilte Steigerung der operativen Umsatzrendite auf 21 von 20 Prozent noch zu realisieren. In den drei Monaten bis Juni sank der operative Gewinn um 23 Prozent. Bisher hatte SAP noch auf eine Erholung im zweiten Halbjahr spekuliert.

Auch in den ersten sechs Monaten steht unter dem Strich ein Verlust von 170 Millionen Euro zu Buche. Ein SAP-Sprecher sagte, nach Steuern habe SAP seit seinem Börsengang im Jahr 1988 noch nie in einem Quartal rote Zahlen geschrieben. Ein operativer Verlust im ersten Quartal 2000 war damals durch ein positives Finanzergebnis wett gemacht worden. In der Entwicklung will SAP nicht sparen, wie Plattner betonte. Entlassungen schloss er aus.

Die Korrektur der Erwartungen traf die Märkte unerwartet eine Woche vor dem vorgesehenen Veröffentlichungstermin für die Quartalszahlen und einer Pressekonferenz in New York. Zwar hatte die SAP-Aktie in den vergangenen drei Monaten rund die Hälfte an Wert verloren, doch hatten Händler geglaubt, der Branchenriese werde sich besser schlagen als die US-Konkurrenten. Um so heftiger schlug das Pendel nach unten aus: Vorübergehend verlor das zunächst vom Handel ausgesetzte Papier mehr als 20 Prozent und setzte damit auch das Börsenbarometer Dax stark unter Druck. Bis zum Börsenschluss begrenzte die Aktie den Verlust auf 14,0 Prozent und schloss mit 74,80 Euro, dem tiefsten Stand seit Jahren. Der Sturz war der heftigste in der 14-jährigen Börsengeschichte von SAP.

Aktienhändler Florian Weber von Börsenmakler Schnigge sagte, die Höhe des Kurseinbruchs spiegele die Angeschlagenheit des Marktes wider. "SAP war eines der wenigen Flaggschiffe, das seine Prognosen bisher immer erfüllt hat", fügte er hinzu. Nun sei das Vertrauen erschüttert. Analysten erklärten, die Warnung von SAP sei nicht ganz überraschend gekommen. "SAP kann sich den Regeln der Schwerkraft nicht widersetzen", sagte Fondsmanager Trudbert Merkel von der Deka Group in Frankfurt. "SAP hat alles in einen großen Topf getan und alle schlechten Nachrichten auf einmal veröffentlicht", sagte Derek Brown von SG Cowen in London.

Die Hoffnungen auf ein rasches Ende der Flaute bei seinen Beteiligungen, vor allem in den USA, hat SAP aufgeben müssen. Die Wertminderung bei dem Anbieter von Internet-Marktplätzen Commerce One und bei anderen SAP-Minderheitsbeteiligungen sei angesichts schwacher Börsen und der schlechten Wirtschaftslage als dauerhaft zu betrachten. Deren Aktien müssten daher um 414 Millionen Euro abgeschrieben werden. An der Partnerschaft mit Commerce One ändere das aber nichts, bekräftigte SAP. Nach den seit Januar geltenden Neuerungen in der Rechnungslegung nach US-Standard (US-GAAP) müssen Anteile abgeschrieben werden, wenn ihre Wertminderung nicht nur vorübergehend ist.

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