Prognosen 2002 zu optimistisch
Viertes Baisse-Jahr wird nicht ausgeschlossen

Das Jahr 2002 hat die Aktienexperten vorsichtig gemacht. Um 120 Prozent hatten sie im Schnitt die Gewinne der US-Unternehmen für 2002 zu hoch geschätzt. Fast alle Kursprognosen waren viel zu optimistisch.

vwd FRANKFURT. Nach dem dritten Jahr der Baisse mögen viele jetzt nicht ausschließen, dass der schlimmste Bärenmarkt seit den vierziger Jahren noch nicht vorbei ist. "Ich habe keine Ahnung, wie das kommende Jahr sein wird", sagt der legendäre Stratege Barton Biggs von Morgan Stanley. Man müsse im kommende Jahr wendig sein: "Sei offen, die Meinung und die Anlageverteilung zu ändern", rät er.

Ein Minus über vier Jahre ist überaus selten

Wie außergewöhnlich die Lage ist, zeigt ein Blick zurück: Seit dem Jahr 1800 gab es nur drei Phasen, in denen der US-Aktienmarkt drei Jahre hintereinander eine negative Rendite brachte. Vier Verlustjahre hintereinander hat es am US-Markt nur von 1929 bis 1933 gegeben. In Japan fielen die Aktien nach dem Zweiten Weltkrieg zwar vier Jahre lang. Aber selbst in der jetzigen langen Baisse hat der japanische Markt allenfalls drei aufeinanderfolgende Jahre mit Kursrückgängen erlebt. Fazit: Ein Minus über vier Jahre ist überaus selten.

Die Geschichte zeigt aber auch weniger Beruhigendes. Als die Märkte in den vierziger und siebizger Jahren ihren Boden fanden, war das Kurs-Gewinn-Verhältnis nur halb so hoch wie heute. Berücksichtigt man die höhere Inflation, sind Aktien im Bärenmarkt 1973/74 noch weitaus stärker gefallen als in den vergangenen drei Jahren. Allerdings kam es anschließend zu einer Erholung um rund 50 Prozent. Diese Erfahrung macht Analysten zurückhaltend. Die Bewertungen haben sich normalisiert, als richtig billig schätzt aber dennoch kaum einer von ihnen Aktien ein. Niedrige Zinsen sprechen für Aktien.

Lehmann Brothers: Aktien sehen unterbewertet aus

Mehrere Punkte sprechen dagegen, dass es 2003 noch ein viertes Jahr mit zurückgehenden Kursen geben wird. Aktien sehen angesichts des derzeitigen langfristigen niedrigen Zinsniveaus unterbewertet aus. Auch gegenüber Anleihen sei der Aktienmarkt mittlerweile attraktiv, sagen die Analysten von Lehman Brothers. In Europa habe der Aktienmarkt bereits ein "double dip" hinter sich - das zweite Abtauchen habe die reale Wirtschaft jedoch nicht nachvollzogen.

Das Wachstum werde zwar schwach sein, aber nicht so schwach, wie es der Aktienmarkt mittlerweile einpreise. Zudem seien viele Anleger unterinvestiert. Die Analysten rechnen für das Jahr 2003 mit einer Rendite von 18 Prozent an den europäischen Aktienmärkten. Für den deutschen Markt sind die meisten Beobachter noch optimistischer: Im Schnitt sehen einer Presse-Umfrage unter 30 Instituten zufolge Experten den Dax am Jahresende bei gut 4 000 Punkten, also rund ein Drittel höher als heute. Risiken werden stärker betont

Doch die Risiken, dass es auch ganz anders kommen könnte, werden stärker betont als noch vor einem Jahr. Den Fehler von 2001 - mit viel zu hohen Erwartungen in das Jahr zu starten - möchte niemand wiederholen. Sollten die Hoffnungen auf eine Wirtschaftserholung ein weiteres Mal enttäuscht werden, sei das Rückschlagpotzenzial an den Börsen erheblich, warnen zum Beispiel die Analysten von M.M. Warburg.

Erholung der US-Wirtschaft steht auf wackeligen Beinen

Ein Risiko wird von den meisten Beobachtern besonders hervorgehoben: Dass ein langanhaltender Krieg im Nahen Osten mit hohen Verlusten die Weltwirtschaft in die Rezession treibt. Das ist nicht das wahrscheinlichste Szenario. Aussschließen mag es aber auch niemand. Ein zweiter Grund zur Sorge ist, dass die Erholung der US-Wirtschaft auf wackeligen Beinen steht. Der private Konsum dort, an dem die gesamte Weltwirtschaft hängt, ist zwar stabil, aber niemand weiß, für wie lange noch. Denn die Haushalte sind hoch verschuldet, die Arbeitsmarktsituation verschlechtert sich weiter.

Kriegsänsgte belasten den Markt

Ein Problem sehen Skeptiker auch in den hohen Immobilienpreisen in den USA und in Großbritannien. Sollten die hohen Preise fallen, wird der Konsum belastet. Weitere Ungewißheit kommt durch die Pensionsrückstellungen der Unternehmen. Nach der Baisse gibt es hohe Lücken vor allem in den USA. Sie könnten die Gewinne der Unternehmen erheblich drücken. Diese Unsicherheiten werden nicht schnell verschwinden. Sie machen einen neuen Bullenmarkt unwahrscheinlich. Neue Tiefkurse sind aber nur zu erwarten, wenn sich die Sorgen wegen einer langwierigen Auseinandersetzung im Irak auch bewahrheiten.

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