Projekt in Cottbus verschoben
Das interaktive Fernsehen lässt auf sich warten

Konzerne wie Bertelsmann rechnen mit Millionen-Umsätzen, wenn Fernsehen und Internet zum interaktiven Fernsehen verschmelzen. Doch bisher ist das Zukunftsmusik. Erst Mitte nächsten Jahres will Bertelsmann interaktives Fernsehen anbieten. Noch fehlen die Set-Top-Boxen und ein ausgebautes Kabelnetz.

DÜSSELDORF. Das Versprechen der Bertelsmann Broadband Group klingt verlockend. Zuschauer können den Zeitpunkt selbst bestimmen, wann sie im Fernseher einen Film über Kuba anschauen; sie können gleichzeitig kubanische Musik hören, Hintergrundinformationen über Havanna abrufen und einen Flug oder ein Hotelzimmer buchen.

Die Vision bleibt Vision, bis zwei Voraussetzungen erfüllt sind: Die Industrie muss in ausreichender Zahl die sogenannte Set-Top-Box liefern, mit der die digitalen Informationen aus dem Netz so umgewandelt werden, dass der Fernseher interaktiv wird - und von dort etwa auch E-Mails verschickt werden können. Zweitens muss das Kabelnetz Befehle in beide Richtungen transportieren, es muss also rückkanalfähig sein.

Weil die Industrie noch keine Set-Top-Boxen in ausreichender Zahl liefern kann, hat der lokale Kabelnetzbetreiber AVC seinen für September angekündigten Start des interaktiven Fernsehens in Cottbus verschoben. "Wir müssen auf die Zulieferer warten", sagt AVC-Geschäftsführer Hans-Joachim Dosdall. Gleiches Bild bei der Bertelsmann Broadband Group, die zurzeit interaktives Fernsehen über den PC in 200 Testhaushalten erprobt und das Nutzungsverhalten der Testpersonen unter die Lupe nimmt. "Bedingung für unseren breit angelegten Start ist, dass die Industrie Set-Top-Boxen in ausreichender Zahl zur Verfügung stellt", sagt COO Patrick Cowden zu Handelsblatt.com.

Betriebssystem passt nicht zum Angebot

Bei Motorola, die im September 1999 den amerikanischen Set-Top-Boxen-Hersteller General Instrument geschluckt hat, wird mit Hochdruck an den Zusatzgeräten gearbeitet. Der Haken bislang: Das Betriebssystem passt noch nicht zum Angebot von Bertelsmann. "Ab dem nächsten Jahr wird unsere Box die Inhalte der Bertelsmann Broadband Group unterstützen", sagt Christoph Lüthe, Motorola-Betriebsleiter für Breitbandtechnologie.

Konkurrent Siemens-Fujitsu, der in Augsburg an der Set-Top-Box tüftelt, hat damit scheinbar keine Probleme. "Unsere Plattform basiert auf Windows 98 und unterstützt schon heute das Bertelsmann-Angebot", sagt Produktmanager Bernd Schroettle-Henning. Aber in die Massenproduktion kann der Konzern noch nicht gehen. Bis Ende des Jahres sollen ein "paar Zehntausend" Boxen für europäische Projekte fertig sein. "Große Stückzahlen von 50 000 pro Monat können wir erst ab der ersten Hälfte nächsten Jahres liefern", so Schroettle-Henning. Ursache seien Lieferengpässe bei den Herstellern der Bauteile.

Netzbetreiber scheuen Investitionen

Die zweite Hürde auf dem Weg zum interaktiven Fernsehen sind die Kabelnetze. Viele private Netzbetreiber, denen die letzten Kabelmeter bis in die Haushalte gehören, scheuen bislang die Investitionen, um ihre Kabel rückkanalfähig zu machen. "Ihnen fehlt ein schlüssiges Geschäftsmodell", sagt Hans-Joachim Danne, Geschäftsführer des Verbandes Privater Kabelnetzbetreiber (ANGA) in Bonn. Die regionalen Netzbetreiber wissen noch nicht, wieviel sie von den überregionalen Netzbetreibern dafür bekommen, dass sie breitbandige Inhalte wie interaktives Fernsehen durch ihre Leitungen bis in die Haushalte lassen.

"Wir suchen nach einer wirtschaftlichen Lösung für alle Teilnehmer, damit das interaktive Fernsehen weiterentwickelt werden kann", sagt Danne. Deshalb will sich der Verband in den nächsten Wochen mit den Betreibern der überregionalen Netze an einen Tisch setzen - mit der Deutschen Telekom, die das Netz in Berlin auch weiterhin betreiben wird und damit begonnen hat, es für 680 000 Haushalte rückkanalfähig auszubauen, mit der amerikanisch-kanadischen Finanzgruppe Callahan, die das Netz in Nordrhein-Westfalen mehrheitlich übernommen hat, und mit dem Investorenkonsortium Klesch, die die Mehrheit am hessischen Netz gekauft hat.

Alternative Satellit

Eine Einigung ist im Interesse aller Beteiligten, denn ohne den Ausbau der letzten Kabelmeter ist dem interaktiven Fernsehen der Weg in einen Großteil der Haushalte versperrt. Sollte es jedoch zu keiner Einigung kommen, bleibt aus Sicht der ANGA noch der Weg über den Satelliten Astra, der Anfang nächsten Jahres rückkanalfähig sein soll. "Aber das wäre eine teure Alternative, denn dann müssten die Netzknotenpunkte entsprechend ausgebaut werden", so Danne.

Für die Lieferanten der Inhalte - wie Bertelsmann oder Kirch - ist ein schneller Ausbau wichtig. "Wir wollen mit unseren Tests den Netzbetreibern auch zeigen, was wir können", sagt Projektmanager Mathias von Bredow. Aber schon jetzt dürfte feststehen, dass es einen einheitlichen Ausbau des Netzes nicht geben wird. "Manche Orte sind früher rückkanalfähig als andere", erwartet Jürgen Grützner, Geschäftführer des Verbandes der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten (VATM).

Derweil arbeitet Bertelsmann weiter an seinem Angebot. Wie es schließlich heißen wird, ist noch nicht geklärt. "Interaktives Fernsehen" ist nur ein Arbeitstitel.

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