Prominente NTW-Journalisten scheren aus Protestfront aus
Russen protestieren für Unabhängigheit des Senders NTW

In Moskau und Sankt Petersburg sind am Wochenende tausende Menschen für die Medienfreiheit auf die Straße gegangen. Die Demonstranten sagten den Beschäftigten des regierungskritischen Fernsehsenders NTW Unterstützung in ihrem Kampf gegen die Übernahme durch den staatlich kontrollierten Energiekonzern Gasprom zu.

afp MOSKAU. In Sankt Petersburg - der Heimatstadt von Staatspräsident Wladimir Putin, in der am Montag Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) zu Gast ist - folgten am Sonntag mehr als 4 000 Menschen einem Demonstrationsaufruf der liberalen Jabloko-Partei und örtlicher Organisationen.

Noch mehr Kundgebungsteilnehmer harrten am Samstag in Moskau bei strömendem Regen vor dem Sendezentrum Ostankino aus. Eine Starmoderatorin und der Chefreporter von NTW scherten aus der bis dahin einheitlichen Protestfront aus.

Die Petersburger Demonstranten warfen dem Kreml auf mitgeführten Schildern Zensur vor und forderten Putin auf, sich für eine unabhängige Berichterstattung einzusetzen. Wie schon in Moskau, kündigten Vertreter von Journalisten an, dass die Belegschaft "bis zum Letzten" gegen die Übernahme kämpfen werde. Putin will am Montag zum Auftakt eines zweitägigen Gipfeltreffens mit Schröder in Sankt Petersburg zusammenkommen. Es wird erwartet, dass Schröder dabei auch das Thema Medienfreiheit anschneidet.

An der Kundgebung in Moskau nahmen nach Polizeiangaben 5 000, nach Angaben der Veranstalter 25 000 Menschen teil. Sie trugen Schilder mit Aufschriften wie "Verteidigt NTW"oder "Schützt uns vor Lügen". "Solange Ihr uns unterstützt, können wir weiter arbeiten und unseren Job professionell machen", versicherte der abgesetzte Chefredakteur Jewgeni Kisseljow der Menge.

Der Chefreporter Leonid Parfjonow veröffentlichte in der Wirtschaftszeitung "Kommersant" einen Offenen Brief, in dem er seinen Rücktritt ankündigte und mit Kisseljow abrechnete. Diesem gehe es gar nicht um die Unabhängigkeit des Senders, sondern um bloßen Machterhalt. Kisseljow missbrauche seine Mitarbeiter als "Kanonenfutter und Geiseln" und lege es darauf an, ein gewaltsames Vorgehen der Polizei zu provozieren. Seit Kisseljow sich an die Spitze der Protestbewegung gestellt habe, gebe es in der NTW-Zentrale keine Redefreiheit mehr, kritisierte Parfjonow.

Auch die Starmoderatorin Tatjana Mitkowa erklärte ihren Rücktritt. Der Vorsitzende der Journalistenvereinigung Mediasojuz, Alexander Ljubimow, sagte, die Journalisten des Senders seien Geiseln im Konflikt zwischen zwei Wirtschaftsgruppen: dem Konzern Media-MOST des bisherigen NTW-Mehrheitseigners Wladimir Gussinski und dem Energieriesen Gasprom.

Schlichtungsgespräch gescheitert

Ein Schlichtungsgespräch zwischen Vertretern der neu eingesetzten NTW-Leitung und der Belegschaft war am Freitag gescheitert. Die NTW-Mitarbeiter demonstrieren seit Dienstag gegen die Übernahme durch Gasprom. Sie fürchten, dass dem Sender, der im Gegensatz zu anderen Medien unter anderem kritisch über den von Russland geführten Tschetschenien-Krieg berichtete, ein Maulkorb verpasst werden soll.

Die russische Justiz beschuldigt Gussinski, der sich nach Spanien abgesetzt hatte, umgerechnet rund 500 Millionen Mark (255,6 Millionen Euro) unterschlagen zu haben. Der US-Medienunternehmer Ted Turner, der sich mit Gussinski über den Kauf von 30 Prozent NTW-Aktienanteilen geeinigt haben soll, hat zugesagt, die kritische Berichterstattung des Senders beizubehalten.

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