Protest gegen die Irak-Politik Washingtons
Amerikas „Mütter gegen den Krieg“ gewinnen potente Mitstreiter

Die Zahl der Gegner eines Angriffs auf den Irak wächst auch in den USA rasant. Ein breites Bündnis von Peaceniks, Christen, Gewerkschaftern und Unternehmern will in den nächsten Tagen protestieren.

HB WASHINGTON. Ben Cohen kennt das genaue Datum, wann er das erste Mal in seinem Leben mit dem Gesetz in Konflikt geraten wird. Der Mitbegründer der weltweit tätigen Eiscréme-Firma "Ben & Jerry's" will sich am 10. Dezember in seiner Geburtsstadt New York während einer Friedensdemonstration gegen einen potenziellen Krieg der USA gegen den Irak wegen "zivilen Ungehorsams" festnehmen lassen. Der Unternehmer, der die Vereinigung "Business Leaders for Sensible Priorities" anführt, hat gemeinsam mit Dutzenden von Managern und Geschäftsleuten den "Kriegstreibern" in der Regierung von Präsident George W. Bush den Kampf angesagt.

In ganzseitigen Anzeigen in der New York Times, der Washington Post und anderen Zeitungen rufen die Unternehmer zum Protest gegen den drohenden Krieg im Irak auf. Unter einem Bild von Bush, Vizepräsident Dick Cheney und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld ist zu lesen: "Sie verkaufen den Krieg - aber wir kaufen nicht."

Selbst die Falken im US-Kabinett wie Cheney, Rumsfeld oder auch Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice, können nicht mehr leugnen, dass auch in den USA der Widerstand gegen einen Militärschlag im Irak wächst. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht in den großen Zeitungen oder im Fernsehen über die anschwellende Anti-Kriegsbewegung im "Land of the Free" berichtet wird. Hatten viele US-Bürger bisher den Eindruck, dass nur in Europa gegen den drohenden Krieg im Irak demonstriert wird, so sehen sie jetzt, dass eine immer größer werdende Zahl von Menschen im eigenen Land entschieden gegen eine militärische Intervention der USA im Golf ist. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Bush weiterhin ein "job approval rating" von über 60 Prozent hat.

Daphne Reed, die im August in Amherst (Massachusetts) die Bewegung "Mütter gegen Krieg" ins Leben rief, hätte in ihren kühnsten Träumen nicht erwartet, dass sie innerhalb kürzester Zeit Unterstützung von einer Vielzahl von Gruppen und Organisationen im ganzen Land erhalten würde. Reed, deren Vereinigung inzwischen mehrere tausend Mitglieder hat, kommuniziert via Internet mit Dutzenden Organisationen, die nur ein gemeinsames Ziel haben - einen Krieg gegen den Irak zu verhindern. Waren in der Bewegung gegen den Vietnamkrieg anfangs fast ausschließlich linke und sozialistische Organisationen involviert, so haben sich diesmal in den USA auch der Nationale Kirchenrat und die Katholische Bischofskonferenz dem Kampf gegen einen Krieg verschrieben. Beide Organisationen vertreten insgesamt rund 115 Millionen Mitglieder.

Auch die Gewerkschaften, die in den USA zu den patriotischsten Vereinigungen gehören, haben sich klar gegen Bushs Irak-Politik ausgesprochen. Der Gewerkschaftsvorsitzende John J. Sweeny hat im Namen der 13 Millionen "Union"-Mitglieder einen Brief an Bush geschrieben, in dem er den US-Präsidenten zum "umdenken" auffordert.

In Universitäten von Washington bis Los Angeles demonstrieren Anti-Kriegs-Gruppen gegen die drohende Gefahr. Eine Web-Seite einer in San Francisco angesiedelten Bürgerrechtsvereinigung (www.unitedforpeace.org) koordiniert die Aktionen von über 70 Friedensgruppen. Dass von Rand- oder Splitter-Gruppen nicht mehr die Rede sein kann, erfuhr Bushs Regierung am 26. Oktober, als in den ganzen USA Großdemonstrationen gegen die Militäraktion gegen Saddam Hussein stattfanden. Alleine in Washington versammelten sich über 100 000 Menschen zur größten Anti-Kriegs- Demo seit den Vietnam-Zeiten.

Geht es nach dem Wunsch der Pazifisten, so wird diese Zahl bald übertroffen werden. Vom 8. bis 15. Dezember sind landesweit zahlreiche Großveranstaltungen geplant. Höhepunkt sollen Demos am 10. Dezember, dem Tag der Bürgerrechte sein. Zudem bekommt wenn Jimmy Carter in Oslo an diesem Tag den Friedensnobelpreis überreicht. Viele Prominente und Hollywood Stars haben zugesagt, sich für die Sache der Demonstranten stark zu machen und gegen die Kriegspolitik Bushs auf die Straße zu gehen.

In der ersten Reihe wird dann Ben Cohen stehen. Mit seiner geplanten Verhaftung will er ein Zeichen setzen: Noch nie habe er sich an zivilem Ungehorsam beteiligt - doch jetzt sei die Zeit dafür reif.

Quelle: Handelsblatt

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