Protest gegen russische Militäraktion in Tschetschenien als Motiv
Geiseldrama in Istanbul unblutig zu Ende gegangen

Das Geiseldrama in einem Luxus-Hotel in Istanbul ist am Montag nach knapp zwölf Stunden friedlich zu Ende gegangen. Wie die türkische Nachrichtenagentur Anadolu meldete, wurden alle etwa 120 Geiseln freigelassen. Die 13 pro-tschetschenischen Geiselnehmer, darunter auch der Anführer Muhammed Emin Tokcan, ergaben sich und wurden festgenommen.

dpa/rtr ISTANBUL. Die Männer hätten ihre Waffen abgegeben und würden in einer Polizeistation in Istanbul verhört, hieß es. Die russische Führung äußerte sich "zufrieden" über das schnelle Ende der Geiselnahme im Swissotel.

Die Männer hatten in der Nacht zu Montag ein Luxushotel der Kette Swissotel gestürmt und Angestellte sowie Gäste, darunter mehrere Ausländer, in ihre Gewalt gebracht. Sie hätten damit gegen die russische Militäraktion in Tschetschenien protestieren wollen, meldete Anatolien.

Die 120 Geiseln seien in guter Verfassung, meldete Anatolien unter Berufung auf den Polizeichef von Istanbul. Das Auswärtige Amt in Berlin teilte mit, unter den Geiseln seien 16 Deutsche. Eine schwangere Frau sei bereits vor der Aufgabe der Geiselnehmer freigelassen worden. Ein weiterer Deutscher habe sich nachts über die Feuerleiter retten können. Nach Angaben des österreichischen Außenministeriums waren unter den Geiseln sechs Geschäftsleute aus Österreich. Der SAirGroup zufolge, die das Hotel in Istanbul am Montag an die Singapore's Raffles Holding Ltd. verkauft hatte, hielten sich insgesamt 600 Gäste in dem Hotel auf. Erhan Erden, der unter den Geiseln war, sagte dem Fernsehsender NTV, die Geiselnehmer hätten sich entschuldigt. "Sie sagten, es täte ihnen Leid, aber sie hätten das wegen der Geschehnisse in Tschetschenien tun müssen."

In einer nicht unterzeichneten Fax-Erklärung, die vermutlich von den Geiselnehmern stammte, hieß es, die Aktion ziele auf ein Ende des "blutigen und schmutzigen russischen Angriffs auf unser Vaterland, den Kaukasus". Die Gruppe wolle kein Blutvergießen. In der Erklärung entschuldigte sich die Gruppe bei der Türkei und der türkischen Tourismusbranche für mögliche finanzielle Verluste. In der Kaukasus-Republik Tschetschenien kämpfen seit Oktober 1999 russische Truppen gegen islamische Rebellen.

Polizisten hielten das Swissotel während der Geiselnahme umstellt. Vor dem Gebäude warteten Krankenwagen. Bewaffnete Spezialeinheiten standen bereit. Fernsehaufnahmen, die von außen gemacht worden waren, zeigten mindestens einen bewaffneten Mann in der Eingangshalle des Hotels. Augenzeugen berichteten, die Männer hätten mit automatischen Gewehren um sich geschossen und die Angestellten gezwungen, sich in der Hotel-Lobby auf den Boden zu legen. Die Männer hätten die Geiseln gut behandelt, sagte ein Hotelangestellter dem Fernsehsender NTV über ein Mobiltelefon.

Ein belgischer Hotelgast, er sei in der Hotel-Lobby gewesen, als zwei oder drei schwarz gekleidete Männer hineingestürmt seien. Dann seien Schüsse gefallen. Ihm sei es gelungen, in den Hotelgarten zu entkommen, wo er weitere Schüsse gehört habe. Andere Augenzeugen berichteten, mindestens zehn Gäste hätten das Hotel durch den Haupteingang verlassen.

Russland hatte die Geiselnahme am Morgen verurteilt. In einer Stellungnahme des Außenministeriums in Moskau hieß es, die Terroristen müssten umgehend ihre Geiseln freilassen.

Unter den Geiselnehmern war der in der Türkei ansässigen Tschetschenien-Gesellschaft zufolge der Türke Emin Tokcan, der 1996 eine Gruppe pro-tschetschenischer Geiselnehmer angeführt hatte, die im Schwarzen Meer eine russische Fähre in ihre Gewalt gebracht hatte. Emin Tokcan sei 1997 aus dem Gefängnis ausgebrochen, wo er eine achtjährige Strafe verbüßen sollte, meldete Anatolien.

Erst im März hatten vermutlich tschetschenische Luftpiraten ein russisches Passagierflugzeug auf dem Weg von Istanbul nach Moskau entführt und ein Ende des Tschetschenien-Kriegs gefordert. Bei der Erstürmung des Flugzeugs starben ein Luftpirat, eine Stewardess und ein Passagier.

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