Archiv
Proteste bei Opel setzen GM unter Druck - Verhandlungen

Begleitet von wilden Streiks in Bochum hat am Montag das Ringen um die Sanierung des zur General Motors Co. (GM) gehörenden Autoherstellers Opel begonnen.

dpa-afx BOCHUM/RÜSSELSHEIM. Begleitet von wilden Streiks in Bochum hat am Montag das Ringen um die Sanierung des zur General Motors Co. (GM) gehörenden Autoherstellers Opel begonnen. Vertreter des Managements und des Betriebsrats kamen am Stammsitz von Opel in Rüsselsheim zusammen, um zunächst einen Fahrplan für die schwierigen Verhandlungen zu entwickeln. Die Verhandlungspartner gingen am Abend nach 10-stündigen Gesprächen auseinander, ohne Details darüber mitzuteilen. Eine Erklärung wurde von der Unternehmensleitung für Dienstag angekündigt.

Die Beschäftigten des Werkes in Bochum setzten ungeachtet aller Appelle zur Wiederaufnahme der Arbeit ihren Ausstand noch fort. Durch die Produktionsausfälle wurden im belgischen Werk Antwerpen für die Nachtschicht die Teile knapp. Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) erklärte, er erwarte nun ein Signal des Vorstands. Arbeitsniederlegung halte er allerdings für falsch. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) mahnte am Montagabend bei einem Kongress in Berlin angesichts der Protestaktionen zu einer Lösung am Verhandlungstisch.

Europaweiter Aktionstag

Am Dienstag soll ein europaweiter Aktionstag dem Protest gegen die geplante Streichung von 12 000 der insgesamt 63 000 Stellen bei Opel, Vauxhall und Saab Ausdruck verleihen. Auch in Rüsselsheim soll die Produktion zeitweise ruhen. Für 11.00 Uhr ist eine Kundgebung geplant. In Kaiserslautern wollen 2 500 Arbeiter vorübergehend die Arbeit niederlegen. In Bochum werden bis zu 100 000 Menschen zu einer Protestkundgebung erwartet. Im polnischen Gliwice soll die Arbeit fortgesetzt werden, aber die Belegschaft über die Entwicklung in Deutschland informiert werden.

Bei den Verhandlungen in Rüsselsheim will die Arbeitnehmerseite vor allem Werksschließungen und betriebsbedingte Kündigungen verhindern. General Motors hatte vergangene Woche angekündigt, in Deutschland binnen zwei Jahren 10 000 Stellen streichen zu wollen, davon jeweils 4 000 in Bochum und Rüsselsheim.

Die Arbeitnehmerseite bekräftigte am Montag ihre Bereitschaft, einen Beitrag zu der von GM geplanten Kostenreduzierung von 500 Mill. Euro zu leisten. "Ich gehe davon aus, dass sich die Personaleinsparziele erheblich relativieren lassen", sagte der Frankfurter IG-Metall-Bezirksleiter Klaus Mehrens der dpa. An der ersten Verhandlungsrunde nahmen keine prominenten IG-Metall- Funktionäre teil, ein Spitzengespräch zwischen Opel und der Gewerkschaft für die kommenden Tage wurde aber nicht ausgeschlossen.

Auswirkungen AUF Andere Opel-Werke

Aus Bochum kommen Teile für fast alle anderen Opel-Werke in Europa. Die Fabrik in Antwerpen, die den Astra baut, bekommt aus Bochum unter anderem Fahrwerksteile zugeliefert. Die Früh- und die Spätschicht könnten noch normal arbeiten, sagte ein Werksprecher. Für die Nachtschicht würden der Nachschub jedoch knapp. In Antwerpen sollen 300 Jobs wegfallen. In Großbritannien sagte ein Vauxhall-Sprecher: "Wir bauen heute Autos." Zur weiteren Entwicklung wollte er keine Einschätzung abgeben. Opel bezifferte den Produktionsausfall durch die Proteste auf 1 500 Autos bis Montag.

Die Werksleitung in Bochum zeigte sich auch am Montag nicht zu einem Gespräch mit der Belegschaft bereit, rief sie jedoch auf, die Produktion wieder anzufahren. "Die Wiederaufnahme der Arbeit wird dem Standort Bochum nutzen!", hieß es in einem Flugblatt, das vom Werksschutz verteilt wurde. Arbeitswillige sollten sich bei ihren Vorgesetzten melden und bei Konflikten den Werksschutz informieren.

In Bochum hatte die Belegschaft am Morgen einstimmig entschieden, dass die seit Donnerstag ruhende Fertigung nicht wieder aufgenommen wird. Sprecher der Belegschaft forderten erneut als Bedingung für eine Wiederaufnahme der Produktion ein Gespräch mit der Werksleitung und den Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen. Nach Angaben von Augenzeugen wurde am Montag im Presswerk und bei der Teilefertigung in geringem Umfang gearbeitet. Die Komponenten für europäische Werke konnten jedoch nicht ausgeliefert werden, weil die Werkstore von Streikposten blockiert wurden.

Uneinigkeit gab es darüber, wie die Arbeitsniederlegung in Bochum zu werten ist. Aus Sicht der IG Metall handele es sich nicht um wilde Streiks, sondern um eine "Kette von Informationsveranstaltungen", sagte ein Sprecher. "Die Beschäftigten machen nur von ihrem im Betriebsverfassungsgesetz verankerten Informationsrecht gebrauch", Nach Ansicht einiger Arbeitsrechtler handelt es sich bei der sei Donnerstag andauernden Arbeitsniederlegung um einen wilden Streik, das heißt einen Ausstand ohne Urabstimmung.

Köhler Nimmt Anteil

Bundespräsident Horst Köhler sprach den Beschäftigten seine Anteilnahme aus. "Ich will die Gelegenheit nutzen und meine Sympathie und mein Mitgefühl für alle betroffenen Mitarbeiter an den Standorten Bochum und Rüsselsheim zum Ausdruck zu bringen", sagte er bei einem Besuch in München.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%