Proteste
Handgemenge bei IG Farben-Hauptversammlung

Kritische Aktionäre fordern die Auflösung des ehemals größten Konzerns des Dritten Reiches und die rasche Entschädigung von Zwangsarbeitern.

Reuters FRANKFURT. Rund 200 Demonstranten haben am Mittwoch in Frankfurt gegen die Hauptversammlung der IG Farben protestiert, die im Zweiten Weltkrieg das Giftgas Zyklon B herstellte. Kritische Aktionäre forderten in der von Tumulten und Handgemengen begleiteten Aussprache die rasche Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter und die Auflösung der IG Farben in Abwicklung, die seit mehr als 50 Jahren aufgelöst werden soll. Die Liquidatoren wiesen indes den Vorwurf zurück, die Abwicklung zu verschleppen: Vor der endgültigen Auflösung müssten Ansprüche von Gläubigern und Klägern befriedigt werden, sagte der Liquidator Volker Pollehn. Mit der Auflösung des ehemals größten Konzerns des Dritten Reiches sei daher erst 2003 zu rechnen.

Kritische Aktionäre forderten die Liquidatoren in der Aussprache auf, die Auflösung der IG Farben nicht weiter zu verschleppen und die überlebenden ehemaligen Zwangsarbeiter des Unternehmens sofort zu entschädigen. Bereits im vergangenen Jahr hatte die Hauptversammlung die Einrichtung einer Zwangsarbeiter-Stiftung beschlossen, die bisher ihre Arbeit jedoch nicht aufnahm. Pollehn sagte dazu, er hoffe, dass die Stiftung in den kommenden Wochen mit der Arbeit beginnen könne. Pollehn ist zusammen mit seinem Kollegen Otto Bernhardt seit 1998 für die Auflösung der IG Farben verantwortlich.

Zu Handgemengen zwischen linksgerichteten Aktionären und Sicherheitskräften kam es, als einem Redner der rechtsextremistischen Partei Vereinigte Rechte das Wort erteilt wurde. Die Aktionäre stürmten das Rednerpult und griffen den Redner an. Sicherheitskräfte trugen und schleppten die Demonstranten aus dem Saal. Die Veranstaltung wurde von einem starken Polizeiaufgebot abgeschirmt.

Die Vorwürfe der Demonstranten, die Abwicklung des Unternehmens werde verschleppt, wies Pollehn zurück. Die IG Farben sei der größte Konzern des Dritten Reichs gewesen und der viertgrößte der Welt, er lasse sich nicht von einem Tag auf den anderen auflösen, sagte Pollehn. Zunächst müssten die Ansprüche von Gläubigern befriedigt und Klagen gegen die IG Farben erledigt werden. Er hoffe, dass das Unternehmen bis 2003 abgewickelt sein werde. Ursprünglich wollte Pollehn die IG Farben bereits 2001 aufgelöst haben.

Pollehn kündigte vor den knapp 100 Aktionären an, die Liquidatoren würden sich nicht länger bemühen, enteignetes Vermögen in Ostdeutschland zurückzubekommen. Es seien bereits mehrere Gerichtsverfahren gescheitert und die Aussicht auf eine Entschädigung sei äußerst gering, begründete Pollehn die Entscheidung. Zugleich wehrte sich Pollehn dagegen, dass die IG Farben i. A. als Alleinerben der früheren Konzerns dargestellt werde. Diejenigen, bei denen das IG Farben-Vermögen tatsächlich gelandet sei und die noch heute den größten Nutzen daraus zögen, drückten sich dagegen um die Verantwortung für die eigene Geschichte herum. An erster Stelle stehe hier die BASF .

Die IG Farben verfügt derzeit nach Angaben Pollehns noch über ein Restvermögen von rund 20 Mill. DM, das in Immobilien angelegt ist. Von den übrigen Geschäftsbereichen ist nichts mehr übrig. Während des Zweiten Weltkriegs beschäftigte die IG Farben nach Schätzungen mehrerer Organisationen bis zu 400 000 Zwangsarbeiter. Bereits in den 50er Jahren hatte das Nachfolgeunternehmen, die IG Farben in Abwicklung, knapp 30 Mill. DM Entschädigung gezahlt. Die kritischen Aktionäre bemängeln jedoch, diese Zahlungen seien zu niedrig gewesen und hätten die Überlebenden im früheren Ostblock nicht erreicht.

Die IG Farben war eng mit dem nationalsozialistischen System verflochten und betrieb bei Auschwitz ein Chemiewerk, das das Giftgas Zyklon B herstellte, mit dem in den Konzentrationslagern Menschen vergast wurden. Nach der Zerschlagung durch die Alliierten gingen aus der IG Farben die drei Chemieriesen Bayer, Hoechst (Aventis) und BASF hervor. Die kritischen Aktionäre bemängeln, dass die Abwicklung der IG Farben verschleppt werde, um den Klageweg gegen diese Nachfolge-Konzerne zu versperren.

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