Proteste und Enttäuschung am Zuckerhut
Brasilien fährt ohne Romario zur WM

Brasiliens Fußball-Nationaltrainer Luis Felipe Scolari ließ sich weder vom Staatschef noch von den Medien oder dem Volk unter Druck setzen. Bei der Bekanntgabe des Kaders für die Weltmeisterschaft in Südkorea und Japan wurde Idol Romario nicht berücksichtigt.

dpa RIO DE JANEIRO. Nachdem Scolari am Montag im Hotel Intercontinental in Rio de Janeiro seine Spielerliste vorgelesen hatte, versammelten sich vor dem Gebäude Hunderte von Menschen, um ihren Unmut kund zu tun. Bei einer Umfrage des TV-Senders ESPN Brasil meinten 56 % am Abend, die "Selecao" habe ohne den 36-Jährigen keine Titelchance.

"Romario hat sich über mich lustig gemacht, aber selbst so hätte ich ihn berufen", kritisierte auch Ex-Nationalcoach Mario Zagallo (70). Die Zeit der Kritik sei aber nun vorbei, die 170 Mill. Brasilianer müssten wie ein Mann hinter dem Team stehen, forderte er. "Romario muss zur WM", hatte sogar Präsident Fernando Cardoso vor ein paar Wochen gesagt. Und die Zeitung "Jornal do Brasil" schrieb nun resignierend: "Das Team steht, jetzt hilft nur noch beten."

Der "Kleine", wie Romario gerufen wird, war der große Star beim WM-Gewinn 1994. Erst voreinigen Tagen hatte er eine Pressekonferenz gegeben, um weinend um eine WM-Chance zu bitten.

Scolari berief nur einen Bundesliga-Profi: Abwehrmann Lucio von Champions-League-Finalist Leverkusen. Giovane Elber (Bayern München), Ze Roberto (Bayer 04 Leverkusen), Marcelinho (Hertha BSC) und Marcio Amoroso (Borussia Dortmund) erhielten wie erwartet von Scolari einen Korb. Dagegen wurden die Stars Ronaldo (Inter Mailand), Rivaldo (FC Barcelona), Roberto Carlos (Real Madrid) und Cafu (AS Rom) nominiert. Stürmer Denilson (Betis Sevilla) ist der fünfte "Überlebende" der Final-Pleite von 1998 gegen Gastgeber Frankreich (0:3).

Nach Meinung der Medien gab es bei der Berufung "keine größere Überraschung". Die Medien in Rio und Sao Paulo erinnerten aber daran, dass Scolari die "Tormaschine" Jardel, die 2001/2002 in Portugal über 40 Mal ins Schwarze traf, sowie Amoroso und Elber "vergessen" habe. Dafür nominierte er 11 andere Europa-Legionäre und 12 in Brasilien tätige Profis.

"Der Titelgewinn ist bei der WM Pflicht, das hat mir sogar mein kleiner Sohn klargemacht", betonte Scolari. Der Coach, wegen seiner Vorliebe für bedingungslose Disziplin und harten Fußball "Feldwebel" genannt, will den Spielern bei der WM unter anderem die Benutzung von Handys auf 60 Minuten nach dem Abendessen beschränken und empfehlen, dass die Angehörigen zu Hause bleiben sollen. Er bestritt aber Berichte, dass er seinen Schützlingen ein Sex-Verbot erteilen wolle. An freien Tagen könnten die Jungs "tun und lassen, was sie wollen".

"Scolari hat bei der Berufung der Spieler nicht nur auf die fußballerischen Qualitäten geschaut, sondern auch darauf, ob die Berufenen menschlich in seine Gruppe passen", urteilte der frühere Mittelfeldstar und heutige TV-Kommentator Paulo Roberto Falcao. Nach Asien fliege nicht ein Nationalteam, sondern die "Familie Scolari".

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