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Prunkfassaden und Schützengräben

In dem an eindrucksvollen Schlössern sicher nicht armen britischen Kulturbestand ist Hampton Court Palace südwestlich von London eine Perle. Die rote, prachtvoll verzierte Backsteinfassade zeugt vom Glanz der englischen Vergangenheit.

In dem an eindrucksvollen Schlössern sicher nicht armen britischen Kulturbestand ist Hampton Court Palace südwestlich von London eine Perle. Die rote, prachtvoll verzierte Backsteinfassade zeugt vom Glanz der englischen Vergangenheit. König Heinrich VIII nutzte den damals modernsten Palast des Landes, um Staatsgäste mit Banketten zu beeindrucken. Alle sechs Frauen Heinrichs haben in Hampton Court gewohnt. Der Legende nach spukt dort noch heute der Geist der wegen Ehebruchs enthaupteten fünften Gattin, Catherine Howard, durch die Flure.

Nicht nur die vielen Touristen, die jedes Jahr durch den ältesten Tudor-Palast der Insel geschleust werden, geraten beim Anblick der blau schimmernden, reich dekorierten Deckengewölbe und der von Kunstexperten als unschätzbar wertvoll bezeichneten Gobelins ins Schwärmen. Auch die 25 Staats- und Regierungschefs waren am vergangenen Donnerstag begeistert von dem festlichen Rahmen, den Großbritanniens Premierminister Tony Blair für seinen EU-Sondergipfel zur Zukunft des europäischen Sozialmodells ausgewählt hatte. Bundeskanzler Gerhard Schröder geriet regelrecht ins Schwärmen. "Versäumen Sie nicht, bei Ihrem nächsten Besuch in London dieses einmalige Schloss zu besichtigen", empfahl der scheidende Kanzler bei seiner letzten Pressekonferenz auf europäischer Bühne den Journalisten.

Weniger schmeichelhaft als mit dem Ort der Konferenz ging Schröder mit dem Gastgeber um. Der Deutsche, der zu Beginn seiner Kanzlerschaft noch mit seinem britischen Amtskollegen gemeinsame Pläne zur Modernisierung der europäischen Wirtschaft geschmiedet hatte, distanzierte sich deutlicher als je zuvor vom angloamerikanischen Kapitalismus. Kontinentaleuropa sei nicht geschaffen für eine gnadenlos auf Wettbewerbsfähigkeit getrimmte Gesellschaft, lautete die Botschaft des Berliner Regenten an Blair. "Das klassische neoliberale Modell will keiner", so Schröder. Dafür seien die letzten Wahlen, nicht zuletzt die Bundestagswahl in Deutschland, ein Beweis.

So schön und festlich die Kulisse, so ernüchternd war der Verlauf dieses Gipfeltreffens. Der reformfreudige Brite musste erkennen, dass die meisten EU-Staaten nicht bereit sind, gegen Widerstände im eigenen Land den Arbeitsmarkt zu entschlacken, die Sozial- und Rentensysteme zu modernisieren und die öffentlichen Ausgaben zurückzufahren. Hinter der Prunk-Fassade von Hampton Court gruben Strukturkonservative wie Schröder und Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac ihre Schützengräben aus - zur Abwehr herzloser Globalisierer. So wie derzeit die Stimmung in Europa ist, werden mutige Reformprojekte wie die Dienstleistungsrichtlinie so bald nicht wieder aufgelegt werden.

Am Tag nach dem Gipfel holt die EU-Korrespondenten in Brüssel die Wirklichkeit ein. U-Bahnen und Busse stehen still. Die Geschäfte sind geschlossen, Ämter und Schulen versperrt. Belgien erlebt zum zweiten Mal innerhalb eines Monats einen Generalstreik. Die Regierung unter dem liberalen Premier Guy Verhofstadt will die horrenden Ausgaben für die belgische Rentenkasse kürzen. Doch die Arbeitnehmer wehren sich vehement gegen eine Anhebung der Frühpensionierungen von 58 auf 60 Jahre. - Verhofstadt hat in Hampton Court lieber nicht an der Seite Tony Blairs für neue Wirtschaftsreformen gekämpft.

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