Psychologe
Kindesentführung führt bei Eltern zu enormem Stress

Eltern von entführten Kindern befinden sich nach Meinung von Psychologen in einer Situation von "absoluter Hilflosigkeit und Ohnmacht" - besonders, wenn sich die Lage auch nach dem Erfüllen der Forderungen erst einmal nicht ändert.

HB/dpa KÖLN/MAINZ/VILLINGEN-SCHWENNINGEN. "Diese Hilflosigkeit und Ohnmacht ist gerade bei Personen, die gewohnt sind, mit ihrem Vermögen und als Unternehmer Dinge zu bewegen, besonders schwer zu ertragen", sagte der Psychotherapeut Peter Groß am Dienstag in Köln mit Blick auf den jüngsten Entführungsfall des Frankfurter Bankierssohns Jakob von Metzler. Für die Betroffenen sei es wichtig, einen Weg finden, mit ihren starken Gefühlen von Trauer, Wut und Verzweiflung umzugehen und diese "freizusetzen". Die Gefühle suchten sich ein "Ventil". Entlastung könnten Gespräche zum Beispiel mit Freunden bringen.

"Um über die bangen Stunden des Wartens und der Ungewissheit hinweg zu kommen, würde es ihnen helfen, selbst handeln zu können», sagte am Dienstag Adolf Gallwitz, Professor für Psychologie an der Polizeihochschule in Villingen-Schwenningen (Baden-Württemberg). Allerdings sei das Bedürfnis vieler Eltern, die Entführung bis zur Geldübergabe und der Rückgabe des Kindes in die eigene Hand zu nehmen, sehr prekär. "Die Polizei muss so früh wie möglich eingeschaltet werden. Sonst steigt die Gefahr, dass das Geld weg ist und das Kind tot."

Ein Polizeipsychologe, der den Eltern mit Gesprächen über die Zeit des Wartens hinweg hilft, ist Gallwitz zufolge aber auch für den erfolgreichen Polizeieinsatz sehr wichtig. Die Situation in der Familie müsse kontrolliert werden, damit die Eltern mit der Polizei kooperieren, erläuterte er. Sie dürften nicht zusammenbrechen, da ihre Hinweise auf das mögliche Verhalten des Kindes in bestimmten Situationen helfen könnten, das Kind gesund zu befreien.

Nach Einschätzung des Mainzer Psychologieprofessors Peter Glanzmann ist für die Eltern im Fall einer Entführung ein halbwegs normales Leben nicht mehr möglich. An Schlaf sei kaum zu denken. Der Stresszustand habe auch körperliche Folgen: Der Adrenalinspiegel sei sehr hoch, der Körper auf Hochleistung eingestellt, sagte Glanzmann am Dienstag. "Alles andere wird unwichtig. Es werden körperlich und geistig alle Reserven mobilisiert."

Peter Groß warnte vor Schuldzuweisungen. Nach Meinung des Psychotherapeuten sollten verzweifelte Eltern die Realität akzeptieren. Der falsche Weg sei es, die Situation zu leugnen. Auf keinen Fall sollte ein Sündenbock im Familienkreis gesucht werden.

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