Psychologie ist kursbewegender Faktor
Stimmung spricht für starken Euro

Viele Marktteilnehmer erwarten, dass der Euro im Verhältnis zum Dollar mittelfristig steigen wird. Dennoch werden im Handel oft negative Stimmen laut - vielfach gezielt, weil auf einen schwächeren Euro spekuliert wird. Fest steht: Psychologie ist ein kursbewegender Faktor, der angesichts des Kriegsszenarios derzeit sogar dominiert.

DÜSSELDORF/FRANKFURT/M. Psychologie hat an den Finanzmärkten immer eine wichtige Rolle gespielt. Zurzeit ist das beim Wechselkurs des Euros gegenüber dem Dollar besonders deutlich zu spüren.

Helaba-Devisenexpertin Antje Praefcke bestätigt: "Der Eurokurs ist momentan stark psychologisch getrieben: Werden die Kriegsängste stärker, steigt er, schwächen sich die Ängste ab, fällt er gegenüber dem Dollar." Und David Kohl von Julius Bär Kapitalanlage in Frankfurt sagt: "Die starken kurzfristigen Schwankungen beim Euro sind zurzeit eher psychologisch zu erklären als fundamental." Abgesehen von den Kriegsängsten sei interessant, dass je nach Stimmungslage der Marktteilnehmer immer andere fundamentale Fakten in den Vordergrund gerückt würden: Falle der Euro, werde die geringere Flexibilität der Arbeitsmärkte und die geringere Produktivität in Europa gegenüber den USA betont, steige er, führten Beobachter als Erklärung das Leistungs- und Handelsbilanzdefizit in den USA ins Feld. "Dabei ändert sich an den genannten Fakten nichts, nur die Stimmung schwankt", sagt Kohl.

Und es ist sehr schwer, einzuschätzen, wie sich die Stimmungslage und damit der Eurokurs weiter entwickeln wird. Die Mehrheit der Experten erwartet, dass der Eurokurs zwar kurzfristig abbröckeln könnte - dies erwarten auch Charttechniker (siehe Grafik) - doch dass die Währung gegenüber dem Dollar mittelfristig Potenzial nach oben hat: als höchstes Ziel werden 1,15 Dollar genannt.

Als klares Signal dafür, dass viele Marktteilnehmer auf mittlere Sicht mit einer Aufwärtsbewegung des Euros rechnen, werten etwa Optionshändler die Tatsache, dass Kaufoptionen, mit denen man von steigenden Kursen profitieren kann, ab einem Monat Laufzeit derzeit immer noch teuerer als Verkaufsoptionen mit der gleichen Laufzeit sind.

Auch spricht der Sentimentindikator, den die Deutsche Bank unter 160 Ex- und Importeuren erhebt und die Frankfurter Agentur Cognitrend auswertet, eine deutliche Sprache: Danach sind zurzeit 45 Prozent Bullen (optimistisch eingestellte Marktteilnehmer), 30 Prozent Bären (Pessimisten) und 25 Prozent neutrale Stimmen in Bezug auf den Euro auszumachen.

Dafür, dass am Markt oft pessimistische Stimmen laut werden, hat Cognitrend-Chef Joachim Goldberg eine gute Erklärung, wobei er sich auf Erkenntnisse der verhaltensorientierte Finanzmarktanalyse bezieht: Viele Exporteure und auch institutionelle Anleger hätten den Höhenflug des Euros nicht vorausgesehen und wollten nun wieder ihre Einstandskurse - im Schnitt um 1,0500 Dollar - sehen. Sie seien daher an einem schwachen Euro interessiert und äußerten sich entsprechend.

Gleichzeitig versuchen sie, die erwartete Korrektur vorwegzunehmen und spekulierten gegen den Euro. Allerdings mit sehr geringem Erfolg. Denn viele Anleger glauben, sie seien "schlauer als der Markt", sagt Tobias Müller, Devisenexperte bei der Vereins und Westbank - in Hamburg. Sie versuchen, "die Korrektur zu handeln, bevor sie da ist". Grund dafür sei eben die Erwartungshaltung. Denn nach dem starken Kursanstieg glauben die Anleger, dass der Euro nun erst einmal kräftig fallen müsse; vorsichtshalber werden also Euro verkauft. Wird dann - beispielsweise charttechnisch - ein Punkt erreicht, der die Korrektur auslösen könnte, gibt es aber niemanden mehr, der noch Euro verkaufen könnte. So endet die Korrektur, bevor sie überhaupt begonnen hat. Laut Müller betreffen derartige Positionen meist Geschäfte auf Tagesbasis.

Der Erwartungsdruck gehe soweit, dass "alle Nachrichten, die gegen die eigene Position sprechen, verdrängt oder unterdrückt werden". Alle Nachrichten, die in die "richtige Richtung" laufen, würden dagegen benutzt, um das Engagement zu unterstützen. Goldberg bestätigt, auch die verhaltensorientierte Finanzmarktanalyse habe dieses Phänomen erkannt. Sein Rat: Anleger sollten positive wie negative Prognosen anhören, abwägen - und ihre Entscheidung zügig umsetzen.

Wegen der immer wieder aufflackernden Ängste vor einem Krieg im Irak hält Praefcke übrigens einen Anstieg des Euros bis auf 1,15 Dollar für möglich. Falls ein Krieg kommen und schnell beendet sein sollte, dürften die fundamentalen Wirtschaftsdaten wieder in der Vordergrund rücken. Wenn sich ein Krieg jedoch hinziehen sollte, dürfte das dem Euro mittelfristig Unterstützung geben. Kohl sieht den Euro am Jahresende bei 1,10 Dollar; die Konsensusschätzung der Volkswirte liegt allerdings bei 1,07 Dollar - dem aktuellen Wechselkurs.

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