Archiv
Putin kommt in Sicherheitspolitik den Amerikanern entgegen

In die russisch-amerikanischen Verhandlungen um den bilateralen ABM-Vertrag über die Begrenzung der Raketenabwehr und den von Washington geplanten Aufbau eines umstrittenen Nationalen Raketenabwehrsystems (NMD) kommt Bewegung.

mbr MOSKAU. Bereits in dieser Woche soll beim Moskau-Besuch von US-Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice der von Kremlchef Wladimir Putin und US-Präsident George W. Bush am Wochenende am Rande des G8-Gipfels in Genua geknüpfte Gesprächsfaden aufgegriffen werden. Putin und Bush hatten sich dabei erstmals darauf verständigt, die Gespräche über Raketenabwehrsysteme und weitere nukleare Abrüstung zu verbinden.

Putin hatte NMD bislang kategorisch abgelehnt und mit der Nachrüstung russischer Atomraketen mit Mehrfachsprengköpfen sowie einem Überdenken bestehender Abrüstungsverträge gedroht, falls NMD von den Amerikanern einseitig installiert werden sollte. Davon ist er jetzt abgerückt: "Wir sind übereingekommen, dass bedeutende Veränderungen in der Welt konkrete Gespräche sowohl über Angriffs- als auch über Verteidigungssysteme erfordern", heißt es in der gemeinsamen Erklärung beider Präsidenten nach ihrem Treffen in Genua.

Die Nationale Sicherheitsberaterin des US-Präsidenten soll am morgigen Mittwoch mit dem Sekretär des russischen Sicherheitsrates, Wladimir Ruschajlo, und Moskaus Verteidigungsminister Sergej Iwanow den Rahmen für Verhandlungen über die von den beiden Staatschefs erstmals zusammengebundenen Gesprächskomplexe abstecken. Iwanow hatte kürzlich noch jegliche Verhandlungen über NMD abgelehnt.

Den Eindruck, dass Putin Bush nachgegeben haben könnte, versuchte der Kreml unterdessen zu zerstreuen: "Die Übereinkunft zwischen beiden Staatschefs in Genua war ein wichtiger Schritt. Aber auch nicht mehr. Jetzt sind die Experten am Zug zu verhandeln", meinte Putins für G8-Treffen zuständiger Berater Andrej Illarionow am Montag.

Gleichwohl wird in Moskau gerätselt, was hinter dem diametralen Kurswechsel Putins stecken könnte. Einerseits wolle Moskau "solange über NMD verhandeln und einen US-Alleingang verhindern, solange wir noch eine Chance dafür sehen", meinte ein Moskauer Spitzendiplomat, der nicht genannt werden will. Allerdings sei dem Kreml immer klarer geworden, dass Washington bei einem Alleingang nicht gestoppt werden könne. So sei es jetzt besser, über mögliche Kooperationen zu reden und vor allem schnell eine Einigung über weitere Abrüstungsschritte zu erzielen. Denn Moskau könne den Unterhalt und vor allem die anstehende Modernisierung seiner Nuklearwaffen nicht finanzieren.

Um wieder "Waffengleichheit" mit den USA zu erreichen, so der Diplomat, wolle Moskau die anderen Atommächte von seinem Plan überzeugen, die Zahl der Atomsprengköpfe von 14 000 auf 4 000 zu reduzieren.

Generell spielt die wirtschaftliche Komponente bei den Motiven der russischen Regierung eine wesentliche Rolle. So soll der Besuch des amerikanischen Finanzministers O?Neill in der laufenden Woche in Moskau auch dazu führen, dass Russlands Flugzeugindustrie künftig stärker mit US-Luftfahrtkonzern Boeing als dem europäischen EADS-Konsortium kooperieren kann.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%