Putsch irakischer Generäle eine Option
Strategie für die Zeit nach dem Krieg gesucht

Fieberhaft arbeitet das Pentagon an Plänen für einen möglichst kurzen Irak-Krieg. Aber welches politische Konzept haben die Amerikaner für die Zeit nach Saddam Hussein? Kritiker werfen der Regierung in Washington vor, dass sie der Bevölkerung keinen reinen Wein einschenke.

WASHINGTON. Laser-Bomben, F-16-Kampfjets, Luftlandetruppen: In allen möglichen Szenarien hat das Pentagon einen Krieg gegen den Irak am Computer durchgespielt. Aber welches politische Konzept bieten die Amerikaner für die Zeit nach Saddam Hussein? "Wir sind offen für Entwicklungen, die sich aus dem Land heraus ergeben", sagt ein hochrangiger Mitarbeiter im US-Außenministerium.

Verteidigungs-Experten vermuten, dass die Regierung Spielraum für eine Machtübernahme irakischer Gruppen lassen will. "Den Amerikanern wäre es am liebsten, wenn Saddam von seinen Militärs weggeputscht werden würde - vorausgesetzt, diese akzeptieren die US-Vorgaben", betont Gebhard Schweigler vom National War College, einer Elite-Universität für zukünftige Generäle. "Nach einem Krieg bedarf es einer starken Hand", heißt es dazu im Pentagon.

Lange Zeit sah dies anders aus. Noch vor einem halben Jahr hatte Präsident George W. Bush die Exil-Opposition unter dem Dach des Irakischen Nationalkongresses (INC) in London hofiert. Doch insbesondere das US-Außenministerium, das den Wiederaufbau des Iraks koordinieren soll, wandte sich vom INC ab. "INC-Chef Ahmed Chalabi ist eine Enttäuschung, weil er das Grüppchendenken seiner Leute nicht überwunden hat", heißt es in der US-Administration. Hinzu kommt das Legitimations-Defizit, das jede Partei von außen automatisch schwächt. "Die Bush-Regierung kann nicht einfach einem Haufen von Exilanten die Herrschaft übertragen und den Irakern dann sagen: Hier sind eure neuen Führer", meint Kenneth Pollack, Nahost-Spezialist unter Bill Clinton. "Das würde Amerika als Kolonialmacht abstempeln."

Zurzeit beschäftigt sich Bush allerdings mehr mit den Prioritäten seiner Verteidigungs-Fachleute denn mit politischen Reißbrett-Lösungen. Im Falle eines Angriffs auf den Irak haben die Amerikaner drei vorrangige Ziele: die Zerstörung der militärischen Infrastruktur Saddams, die Kontrolle über Massenvernichtungswaffen sowie die Besetzung der Ölfelder. Danach will die Bush-Administration alles daran setzen, eine ethnische Zersplitterung des Landes zu verhindern.

Als starker Mann soll US-Oberbefehlshaber Tommy Franks für ein bis zwei Jahre einer Militärverwaltung vorstehen. Bereits in dieser Besatzungs-Zeit wollen die US-Vertreter einzelne Iraker für ein beratendes Gremium benennen. Dieses soll Schiiten, Sunniten und Kurden an einen Tisch bringen und übergangsweise die Zivilverwaltung leiten, bis eine demokratisch gewählte Regierung das Heft in die Hand nimmt. Parallel dazu ist vorgesehen, ein Komitee mit dem Entwurf einer Verfassung und der Vorbereitung von Wahlen zu beauftragen.

Für INC-Chef Chalabi von der irakischen Exil-Opposition gehen die Besatzungs-Pläne in die falsche Richtung - sie seien "undurchführbar". Nur die Spitze von Saddams Regime werde so ausgetauscht, die mittlere und untere Ebene bleibe jedoch weitgehend intakt. Chalabi fordert stattdessen eine radikale Auflösung der regierenden Baath-Partei einschließlich ihrer Ausläufer im Verwaltungsapparat. Sein Vorbild ist die "Entnazifizierung" im Nachkriegsdeutschland.

Die entscheidende Frage ist: Wie lange sind die USA bereit, den Irak in einer Post-Saddam-Ära zu besetzen? Präsident Bush sagt: "So lange wie nötig" - seinem Vorgänger Clinton hatte er während der Kosovo- Krise noch angekreidet, über keine "Exit-Strategie" zu verfügen. Kritiker werfen der Administration vor, der Öffentlichkeit Sand in die Augen zu streuen. "Die amerikanische Bevölkerung hat keine Ahnung, auf was sich die Regierung da einlässt", warnt der einflussreiche demokratische Senator Joseph Biden.

Das betrifft vor allem die Kosten für Krieg und Wiederaufbau: "Beides ist unkalkulierbar", räumt Douglas Feith, Staatssekretär im Verteidigungsministerium, ein. Nach Schätzungen der "New York Times" reicht die Spanne zwischen 127 und 682 Mrd. $. Kein Wunder, dass die defizitgeplagten US-Bürger teure Finanzspritzen für den Irak scheuen. Nach einer in der "Washington Post" veröffentlichten Umfrage sind 56 Prozent der Amerikaner gegen ein US-Engagement im Irak, wenn die eigene Regierung 15 Mrd. $ pro Jahr locker machen müsste und mindestens 50 000 Soldaten für mehrere Jahre gebunden wären.

Eine große Unbekannte sind auch die Ausgaben für humanitäre Hilfe nach einem Krieg. Nach Angaben der Uno könnte die Zahl der irakischen Flüchtlinge auf 3 Mill. anwachsen. Die US-Regierung hat gerade einmal 25 Mill. $ aus dem Budget abgezwackt - nach Schätzungen von Experten viel zu wenig. Sandra Mitchell von der Hilfs-Organisation International Rescue Committee hat daher ihre Zweifel: "Ist das amerikanische Militär bereit, im Krisenfall mehr als 14 Mill. Menschen zu ernähren?"

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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