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Pyjama-Revolution

Pyjama-Revolution Von Andreas Hoffbauer, Peking Sommer in China ist eine heiße Angelegenheit. In den Metropolen klettert das Thermometer schnell auf 40 Grad.

Pyjama-Revolution

Von Andreas Hoffbauer, Peking

Sommer in China ist eine heiße Angelegenheit. In den Metropolen klettert das Thermometer schnell auf 40 Grad. Vor allem in der Hafenstadt Schanghai ist die Luft oft so drückend, dass einem das Hemd ständig am Leib klebt. Luftige Kleidung und ein abendlicher Spaziergang am Bund, wie die Flaniermeile am Stadtufer heißt, gehören so schom inner zum Chinesen-Alltag wie die tägliche Schüssel Reis.

Westliche Besucher verwirrt dennoch immer wieder der Freiluft-Drang der Chinesen. Denn in der heißen Phase des Jahres zeigen sie sich tagsüber auf der Straße gern in zartrosa oder himmeblau - im Pyjama. Egal, ob beim Spaziergang, beim Einkauf oder beim Friseur: "Neiyi wai chuan", heißt die Parole: "Trage Deine Unterwäsche draußen."

Die für Ausländer lustige Erklärung bereitet den Behörden seit Jahren Kopfzerbrechen. Immer wieder wettern staatliche Zeitungen in Schanghai gegen das "unzivilisierte" Auftreten ihrer Landsleute. Die Stadt werde niemals zu einer international anerkannten Metropole werden, so die Kritik, wenn Einwohner weiterhin im Pyjama über den Bürgersteig schlurfen. Vor allem mit Blick auf die 2010 stattfindende Weltausstellung sei dieses Auftreten eine unglaubliche Respektlosigkeit, heißt die offizielle Linie.

Auch in Peking fürchtet man um weltweites Ansehen. Schließlich ist man 2008 Olympiastadt. Hier gehören Pyjamas zwar seltener zum Straßenbild, dafür zeigt Mann gerne Bauch. Doch wie der "Pyjama-Krieg" in Schanghai ist auch die von den Behörden in Peking gestartete Kampagne gegen das Hochrollen der Unterhemden ergebnislos verlaufen. Im olympischen Sommer aber, so der dringnde Appell, sollen alle Männer in Peking, bitteschön, T-Shirts tragen - und diese auch über dem Leib behalten.

Öffentliche Pyjama-Party oder verschwitzte Unterhemden-Kolonie - diese Fälle zeigen, dass es auch in China, wo die Regierung ihre Vorgaben oft mit allen Mitteln durchsetzt, Grenzen für die Staatsmacht gibt. Diese liegen vor allem im Privaten. Super-Staudämme, Atommacht, Boom-Nation - an einem Verbot für Straßen-Schlafanzüge oder an der Einführung von Pyjama-freien-Zonen scheitern sogar harte Herrscher wie in Peking.

Der Streit ums richtige Hemd ist so längst mehr als eine Frage des (Mode)Stils. Mit ihrer Pyjama-Revolution zeigen vor allem die Menschen in Schanghai Sommer für Sommer der Obrigkeit ihren Willen. Es ist nicht das erste Mal: Während der Kulturrevolution, als alle Chinesen graue Einheitskluft tragen mussten, waren es die Frauen der Hafenstadt, die sich Maos-Kleiderordung widersetzten. Durch einen flatterigeren, luftigeren Schnitt hoben sie sich von den breiten Arbeiterinnen-Massen ab.

In der drückenden Hitze sei ein Schlafanzug einfach ideal, argumentieren die modernen Chinesen auch noch heute. Warum aber ein Pyjama, nicht ein Seidenhemd? Da wird die Suche nach sommerlicher Abkühlung noch immer zum stillen Kampf um die kleine Freiheit. "Zuhause kann ich schließlich tragen, was ich will", sagt ein älterer Mann aus Schanghai trotzig, "und meine Heimatstadt ist mein Zuhause, oder?"


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