Qiagen bricht nach Gewinnwarnung an der Börse ein
Pharmakrise erfasst Biotech-Zulieferer

Jetzt hat es auch den Star der Biotechnikbranche erwischt: Der als stabil und wachstumsstark gelobte Qiagen-Konzern hat seine Gewinnprognose kräftig gesenkt, weil Pharmafirmen bei der Ausrüstung ihrer Labore sparen. Die Gewinnwarnung von Qiagen zieht die gesamte Biotechbranche tiefer in die Krise.

DÜSSELDORF. Die weltweite Krise in der Pharma- und Biotechindustrie hat nun auch die Zulieferer der Branche mit voller Wucht erfasst: Jetzt senkte der führende Ausrüster für die Genforschung, die Qiagen N.V., wegen enttäuschender Verkaufszahlen die Prognose für das Jahr 2002 deutlich. Die Gewinnwarnung führte zu einem regelrechten Ausverkauf an der Börse: Qiagen-Aktien verloren vorübergehend mehr als 40 % ihres Wertes.

Qiagen begründete das schwache Geschäft mit den seit Mitte des zweiten Quartals verstärkten Ausgabenkürzungen großer US-Pharmahersteller. Sie hätten deutlich weniger Geld für Forschung und Entwicklung ausgegeben, teilte das Unternehmen mit Sitz im niederländischen Venlo mit. Qiagen stellt unter anderem Automaten für Forschungslabore und Systeme zur Reinigung von Erbgut für Untersuchungen an. In diesem Geschäft ist das Unternehmen Weltmarktführer.

Den neuen Berechnungen zufolge wird der Gewinn vor Zinsen und Steuern dieses Jahr zwischen 56 und 58 Mill. $ liegen und damit um 35 % niedriger als bisher vorausgesagt. Die Umsatzprognose senkte der Konzern um 13 % auf 300 Mill. $.

Qiagen hält die geringere Nachfrage für ein vorübergehendes Phänomen, doch Analysten sehen dies anders: "Auch wenn es wieder eine Steigerung geben sollte", sagt Chris Redhead von WestLB Panmure, "so wird es das bislang angenommene, dramatisch hohe Wachstum in der Pharmausrüstung wohl nicht geben." Die Qiagen-Gewinnwarnung riss auch die Aktien von Konkurrenten wie der schweizerischen Tecan AG mit: sie büßten bis zu 20 % ihres Wertes ein.

Pharma-Probleme schlagen durch

Viele Pharma- und Biotechfirmen drücken derzeit auf die Kostenbremse und verschlanken ihre Forschung, weil sie fürchten, das vorausgesagte Gewinnwachstum nicht halten zu können. Konzerne wie Bristol-Myers Squibb oder Abott Labs mussten ihre Prognosen bereits deutlich senken. Grund für die Schwäche der Pharmariesen ist, dass derzeit der Patentschutz vieler umsatzstarker Medikamente abläuft. Dann treten die Hersteller billigerer Nachahmerprodukte auf den Plan und drücken den Umsatz der Konzerne. Gleichzeitig scheiterten zuletzt viele Unternehmen mit der Zulassung neuer Medikamente.

"Angesichts dieser Probleme werden die Pharmafirmen ihren strikten Sparkurs fortsetzen", erwartet Analystin Erica Whittaker von Merrill Lynch. Nach Angaben von Qiagen verschieben Arzneiforscher vor allem Projekte der Frühphasenforschung und treiben die Entwicklung reiferer Wirkstoffe voran.

"Schlechtes Licht auf der ganzen Branche"

Die Qiagen-Gewinnwarnung zieht die gesamte Biotechindustrie tiefer in die Krise. "Qiagen galt als eine der stabilsten und wachstumsstärksten Biotechfirmen", sagt Giusep Demont von der Bank Vontobel, "Die Prognosesenkung wirft daher ein schlechtes Licht auf die ganze Branche." Investoren haben in die Biotechnik nur noch wenig Vertrauen, wie sich gestern an weiter fallenden Aktienkursen zeigte. Die deutschen Top-Unternehmen der Branche haben seit Jahresbeginn mehr als die Hälfte an Wert verloren (siehe Tabelle), bei führenden US-Konzernen sieht es ähnlich aus. Den Biotechfirmen droht der Ausverkauf: "Ich sehe derzeit keinen Auslöser, der diese Entwicklung bald umkehren könnte", sagt Demont.

Nach Ansicht der Beratungsgruppe Ernst & Young muss vor allem die deutsche Biotechindustrie in den kommenden Jahren mit steigenden Verlusten rechnen. Die teure Arzneiforschung macht ihr ebenso zu schaffen wie das hohe Risiko von Fehlschlägen: So hat Mitte Juni etwa die Münchener Medigene AG die Entwicklung ihres Wirkstoffs Etomoxir zur Behandlung von Herzinsuffizienz wegen mangelnder Wirksamkeit zurückgezogen.

Trotz solcher Flops stufen Analyst Demont und die Berater von Ernst & Young die Lage der gesamten Biotechindustrie nicht als dramatisch ein. Viele Firmen hätten noch Geld für Jahre und viel versprechende Arzneikandiaten. Demont kann der Krise zudem etwas Positives abgewinnen: Da die Kapitalbeschaffung über die Börse vorerst verschlossen bleibe, dürften sich vor allem kleinere und finanzschwache Firmen zu Fusionen entschließen. Jüngstes Beispiel: Die vorige Woche beschlossene Übernahme der französischen Genset SA durch die Schweizer Serono SA, Europas größter Biotechkonzern. "Eine Konzentration hat die Branche dringend nötig", sagt Demont. "Gerade in Europa haben viele Firmen keine ausreichende Größe, um alleine überleben zu können."

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