Qualifizierte Weiterbildungsprogramme sind Mangelware
Unternehmer gehen vor dem Rating in den Hörsaal

Seminare und Vorträge zu den Themen Basel II und seine Auswirkungen sowie das interne und externe Rating gibt es allerorten in Hülle und Fülle: Veranstaltungen, die einige Stunden, einen halben oder einen ganzen Tag dauern. Mittelständische Unternehmer, die dafür Zeit und Geld investieren, sind hinterher aber oft unzufrieden. "Jetzt wissen wir, welches Problem die Banken haben, aber wer löst denn unser Problem?" ist eine Klage, die Dr. Edelbert Dold, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Koblenz und gleichzeitig Chef des Technisch-Wissenschaftlichen Instituts (TWI) der Kammer, oft gehört hat.

DÜSSELDORF. Eine tiefer gehende Weiterbildung für mittelständische Unternehmer und/oder ihre Mitarbeiter gab es bislang nicht. Zwar hat das Zentrum für Weiterbildung und Wissenstransfer (ZWW) der Universität Augsburg seit etwa zwei Jahren einen Studiengang "Rating-Analyst" im Programm. Die Zielgruppen sind aber, wie aus dem Überblick im Internet hervorgeht, eher Mitarbeiter von Kreditinstituten sowie Steuer- und Unternehmensberater und Wirtschaftsprüfer.

Dr. Walburga Sarcher, die das Programm "Rating-Analyst" leitet, ist allerdings stolz darauf, dass unter den bislang etwa hundert Absolventen des Ausbildungsganges mindestens 15 Unternehmer sind. Und sie betont, dass die Fallstudien der ZWW-Partner Standard & Poor?s, RS Rating Service AG oder Fitch Deutschland AG, "voll auf den Mittelstand übertragbar sind". Sie räumt aber ein, dass die kleinen und mittleren Unternehmen vielleicht doch gezielter angesprochen werden müssten.

Auch die IHK Koblenz hat, wie Dold berichtet, das Thema Rating schon vor gut zwei Jahren aufgegriffen. Zunächst nur mit Informationsveranstaltungen, wie sie nun gang und gäbe sind. Nach der Kritik aus dem Mittelstand, "hernach ist man zwar etwas schlauer, aber mit den eigenen Problemen allein gelassen", kam es zur Initiative, etwas zu schaffen, "was Hilfe zur Selbsthilfe leistet", schildert Dold. "Nicht nur Informationen, sondern Instrumente zu bieten, die zum einen Risiken besser erkennen lassen, zum anderen die Handlungsfähigkeit für das Bankengespräch vergrößern."

Betriebswirtschaftliches Fitnesstraining

Über das TWI wurden "gezielte Gespräche" mit Unternehmern, Banken sowie der Fachhochschule Koblenz - die auch Partner im TWI ist - sowie der Uni Koblenz-Landau geführt. Die Idee kam gut an. Auch bei den Banken. "Wir waren begeistert", sagt Manfred Graulich vom Vorstand der Sparkasse Koblenz rückblickend. Er verspricht sich "ein betriebswirtschaftliches Fitnesstraining" der Unternehmen sowie eine verbesserte Kommunikationsfähigkeit, die beim Rating "gleiche Augenhöhe herstellt".

Aus den Gesprächen und Überlegungen entwickelten sich zwei Konzepte: eine Ausbildung für Interessenten, die über differenzierte betriebswirtschaftliche Kenntnisse verfügen. Sie dauert neun Tage. Studientage sind jeweils Freitag und Samstag, wie auch beim ZWW in Augsburg. Der erste dieser Kurse hat im Oktober begonnen.

Der zweite Ausbildungsgang ist für jene gedacht, die keine kaufmännische Ausbildung haben, sondern Techniker, Handwerker oder Naturwissenschaftler sind. Diesem Kurs werden acht Tage vorgeschaltet, um zunächst das für erforderlich erachtete betriebswirtschaftliche Wissen zu vermitteln. Beispielsweise die Grundlagen des Rechnungswesens und Controllings, Kosten- und Finanzmanagement oder die Optimierung der Finanzen.

Uni-Zertifikat "Rating-Analyst"

An den dann folgenden neun Unterrichtstagen sind die Lerninhalte weitgehend mit denen des anderen Kurses identisch. Dann geht es unter anderem um die Grundlagen des Rating, werden die kritischen Rating-Parameter besprochen, Bankengespräche vorbereitet und die Präsentationstechniken geübt. Ferner werden Rating-Strategien erarbeitet. Besonders wichtig sind die Kernrisiken in den Unternehmen, wie sie identifiziert und vor allem konsequent bewältigt werden.

In Augsburg teilt sich der erheblich längere und auch teurere Studiengang in drei Teile: Der erste Teilbereich beschäftigt sich mit dem Selbstverständnis und dem Handlungsfeld des Rating-Analysten. Dem folgt das Unternehmensrating mit den Schwerpunkten Kunde und Markt, Management, Forschung und Entwicklung / Innovationsmanagement, Fertigungs- und Informationstechnologie sowie Finanzen. Zu letzteren gehört auch das Thema "Krisenbewältigungspotenzial". Im dritten Teil "Personal Skills", soll vor allem mit Frage- und Interviewtechniken sowie Kommunikations-, Präsentations- und Argumentationstechniken vertraut gemacht werden und wie mit Konfliktsituationen umzugehen ist.

Sowohl in Augsburg als auch in Koblenz steht am Schluss eine Prüfung. In Augsburg gibt es nach Bestehen ein Uni-Zertifikat mit dem Titel "Rating-Analyst". In Koblenz gibt es das TWI-Zertifikat für den "betrieblichen Bonitäts-Analysten". Dold versteht, wenn andere diesen Titel kritisch oder gar spöttisch betrachten. Aber der Titel gehöre zum Marketing-Konzept und sei bewusst gewählt. "Der betriebliche Bonitäts-Analyst sitzt im Unternehmen und ist nicht als Analyst bei irgendeiner Bank und analysiert andere, sondern er analysiert sich selbst, seine betriebliche Bonität."

Geringes Weiterbildungsangebot

Aber der Titel sei nicht entscheidend. Die Kredit- und Bankenlandschaft verändere sich. Der Mittelstand müsse immer härter kämpfen. Unternehmen hätten es schwer, Darlehen zu bekommen, beispielsweise einen Betriebsmittelkredit zur Finanzierung eines neuen Auftrags. Oder sie bekommen nur sehr teure Kredite. Viele Banken, besonders die Geschäftsbanken, würden die weichen Standortfaktoren noch nicht akzeptieren, obwohl es sich oft um sehr innovative Unternehmen handele.

"Das ist für uns als Wirtschaftsorganisation ein ganz wichtiges Thema: Wenn sich die Unternehmen nicht mehr finanzieren können, dann gehen auch viele kaputt", fürchtet Dold. Von der Politik werde dies stark heruntergespielt.

"Deshalb haben wir uns überlegt, den Unternehmern zu helfen, sich für das Bankgespräch richtig aufzustellen und auch ihre betrieblichen Strukturen in Schuss zu halten. Denn dann ist das Risiko, einmal daneben zu landen, nicht so groß." Und nach den Schlagwörtern Basel II und Rating seien die Unternehmer hellhörig geworden, "weil es ihnen ans Geld geht".

Allerdings ist das bislang auf Augsburg und Koblenz beschränkte Angebot zu gering. Dold hat bei den anderen IHK, denen er den "Bonitäts-Analysten" schilderte, großes Interesse entdeckt. Und nach den Regeln der Kammern kann jede, die es möchte, das Konzept auch übernehmen. Aber erst wird man wohl die Erfahrungen in Koblenz abwarten.

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