Quartalsberichte werden kritisch beäugt
Finanzmärkte hängen an der Konjunktur

Wall Street sieht sich mit fragwürdigen Bilanzierungspraktiken von US-Firmen konfrontiert. Die daraus resultierende Unsicherheit dürfte sich kurzfristig kaum legen und auch Europas Finanzmärkte in Mitleidenschaft ziehen. Das Interesse der Anleger in aller Welt gilt in dieser Woche auch dem Weltwirtschaftsgipfel in New York.

NEW YORK / FRANKFURT/M. Die US-Wirtschaft schrumpft nicht mehr länger, und die Arbeitslosenquote ist zuletzt wieder zurückgegangen. Solche positiven Nachrichten beeindrucken US-Anleger derzeit jedoch kaum.

Nach vielen Monaten vergeblichen Wartens auf den Konjunktur-Aufschwung blicken sie jetzt kritisch auf die Quartalsberichte der Unternehmen. Vor neuen Aktienkäufen wollen viele Anleger erst Beweise dafür sehen, dass der fast zwei Jahre alte Bärenmarkt tatsächlich die Wende geschafft hat oder zumindest kurz davor steht.

Bisher wenig Grund zur Hoffnung

Bis jetzt gaben die eher pessimistischen Ausblicke vieler US-Unternehmen wenig Grund zu dieser Hoffnung. Hinzu kommt nach dem Enron-Skandal ein großes Misstrauen im Hinblick auf die Aussagekraft der Bilanzzahlen amerikanischer Unternehmen. "Die Anleger sind vorsichtig", sagt Portfolio-Managerin Donna Van Vlack von Brandywine Asset Management, "wir hatten jüngst so viele Katastrophen, besonders was die Rechnungslegung betrifft. Da wollen die Leute lieber abwarten und sich wenig engagieren".

Nach einem schwächeren Freitag hat im Verlauf der vergangenen Woche nur der Dow-Jones-Index der 30 wichtigsten Industrie-Werte leicht zugelegt. Der breiter gefasste S & P-500-Index ist um einen Prozentpunkt zurückgegangen, der Sammelindex der Nasdaq verlor 1,4 %. Seit Jahresbeginn haben alle drei Kursbarometer jeweils rund 2 % eingebüßt.

An Wall Street halten sich die Anleger zurück. Selbst die zum optimistischen Lager gehörende Chefstrategin Abby Joseph Cohen von der Investmentbank Goldman Sachs hat ihre Gewinn-Erwartungen für US-Unternehmen nach unten revidiert. Dennoch hält sie an ihrer Einschätzung fest, dass der S&P 500-Index bis zum Jahresende von derzeit 1 122 Punkten auf mindestens 1 300 Punkte steigen wird. Der Dow Jones Index, der aktuell bei 9 907 Punkten liegt, soll sich nach Meinung der populären Analystin auf 11 300 bis 12 400 Punkte verbessern. "Auch wenn die Gewinne noch schwach sind, werden Investoren zum Jahresende eine kräftige Erholung vorwegnehmen", begründet Cohen ihren Optimismus.

Cisco-Zahlen mit Spannung erwartet

Zunächst aber warten Investoren mit Spannung auf die Quartalszahlen und den Ausblick des Internet-Ausrüsters Cisco Systems am Mittwochabend. Am Donnerstag folgen dann Zahlen vom Versicherungsriesen AIG und neue Verkaufsdaten zum Einzelhandel, die nähere Hinweise über den Zustand der US-Konjunktur liefern.

Für Europas Finanzmarkt-Akteure sind die Reaktionen an der New Yorker Wall Street und neue Konjunktur- und Unternehmensdaten aus den USA nach wie vor eine ganz entscheidende Größe. Für Europas Anleger wächst die Bedeutung New Yorks als "Finanzhauptstadt der Welt" in dieser Woche sogar noch einmal zusätzlich - und zwar wegen des stattfindenden Weltwirtschaftsgipfels, der derzeit in New York stattfindet.

Die Investmentstrategen in Europa werden die Äußerungen von Politikern, Finanzexperten und Wirtschaftsgrößen beim Gipfel nicht zuletzt im Hinblick auf die weitere Entwicklung des Euro-Kurses eingehend analysieren. Nach Ansicht der Volkswirte internationaler Banken ist die aktuelle Euro-Schwäche weniger auf Zinsdifferenzen oder auf konjunkturelle Rückstände Europas gegenüber den USA zurückzuführen. Experten verweisen in diesem Zusammenhang vielmehr auf die anhaltenden Strukturschwächen der europäischen Staaten und auf den in diesem Kontext immer wieder heftig kritisierten Reformstau, den es aufzulösen gelte.

Konjunkturdaten in dieser Woche

Aus dem in Europa vor der Veröffentlichung stehenden Konjunkturdaten dürften vor allem der am Montag anstehende Vertrauensindex der Euro-Zone und die Produzentenpreise für Deutschland interessieren. Im Wochenverlauf werden zudem Daten vom Arbeitsmarkt, über die Auftragseingänge und über die Industrieproduktion in Deutschland erwartet.

Die Konjunktur-Prognosen der Analysten sind gedämpft: "Der Pfad der Konjunkturerholung in Europa dürfte noch steinig sein", warnt Lothar Hessler von HSBC Trinkaus & Burkhardt vor überzogenen Konjunktuhoffnungen für den alten Kontinent.

Die Finanzmarkt-Analysten in Europa sind sich nahezu einig: Die Verunsicherung über den Trend der Verbraucherpreise, das jüngst starke Geldmengenwachstum und die anhaltende Euro-Schwäche dürften die Europäische Zentralbank daran hindern, bei ihrer Sitzung am Donnerstag die Leitzinsen für die Euro-Zone zu senken.

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