Quartalsgewinne brechen um bis zu 80 Prozent ein
Preisrückgang setzt Chemiefirmen zu

Der Kampf um Marktanteile auf den Chemiemärkten wird schärfer: Wegen der starken Auftragsrückgänge und der Überkapazitäten in der Branche sind viele Chemiekonzern zu starken Preissenkungen gezwungen. Entsprechend drastisch sind die Gewinnrückgänge im dritten Quartal. Besserung ist vorerst nicht in Sicht.

DÜSSELDORF Die weltweite Chemieindustrie steuert nach dem äußerst schwachen dritten Quartal auf weitere Umsatzrückgänge in den nächsten Monaten hin. Das deuten die Einschätzungen führender Branchenkonzerne an, die ihre Quartalszahlen bereits vorgelegt haben. Danach gehen die Chemiefirmen für das vierte Quartal von einem weiteren Konjunkturabschwung aus und rechnen erst im zweiten Halbjahr 2002 mit einer Erholung.

Wie sich sowohl bei den US-Marktführern Dow Chemical und Du Pont, als auch bei europäischen Konzernen wie DSM und Rhodia zeigt, stehen die Gewinne der Chemiefirmen von zwei Seiten unter Druck: Neben der stark rückläufigen Produktionsmenge sinken die Verkaufspreise deutlich. Das bestätigte gestern auch Dow Chemical, der zweitgrößte Chemiekonzern der Welt. Dow verbuchte im dritten Quartal einen Rückgang beim Umsatz von 10 % auf 6,7 Mrd. $ und beim Nettogewinn von 84 % auf 57 Mill. $.

Heftiger Kampf um Marktanteile

"Chemiefirmen sind wegen rückläufiger Mengen in der Klemme", sagt Michael Vara, Analyst bei der Commerzbank. Der drastische Rückgang der Aufträge aus der verarbeitenden Industrie führe zu einem heftigen Kampf um Marktanteile, der viele Firmen zu Preissenkungen zwinge. Die Überkapazitäten in der Branche seien momentan sehr hoch, sagte Vara.

Zwar entlastet der niedrige Ölpreis derzeit die Unternehmen auf der Rohstoffseite, doch kann dies die konjunkturellen Rückgänge nicht ausgleichen. "Die niedrigen Ölpreise werden das Blatt bei Rhodia nicht wenden können", sagte Jean-Pierre Tirouflet, Vorstandschef des größten französischen Chemiekonzerns Rhodia gestern bei Vorlage der Ergebnisse. Nach einem Rückgang beim Umsatz von 11 % und beim operativen Gewinn von 58 % im dritten Quartal erwartet Rhodia einen Nettoverlust im Gesamtjahr.

Die sinkenden Gewinnspannen zwingen Chemiefirmen, ihre Sparprogamme zu beschleunigen und auszubauen. "Unser Fokus muss stärker auf der Erhöhung der Produktivität liegen", sagte Dow-Finanzvorstand J. Pedro Reinhard. Der weltgrößte Chemiekonzern BASF hat angekündigt, das geplante Sparprogramm zu beschleunigen und zudem die kurzfristige Stilllegung von Kapazitäten zu prüfen.

DSM: Ausgaben und Investitionen "schärfer überwachen"

Der zweitgrößte niederländische Chemiekonzern DSM will laut Vorstandschef Peter Elverding Ausgaben und Investitionen "schärfer überwachen", nachdem der Gewinn im dritten Quartal um ein Drittel auf 130 Mill. Euro gesunken ist. Der Umsatz lag bei 1,93 Mrd. Euro um 4 % unter dem Vorjahreswert, teilte DSM mit. Elverding erwartet, dass die negative Entwicklung des Betriebsergebnises werde sich bis zum Jahresende fortsetzen.

Der zeitgleiche Rückgang von Produktionsmenge und Verkaufspreisen trifft vor allem die Kunststoff- und Basischemiegeschäfte, die von der Nachfrage aus der Auto- oder Technologiebranche abhängig sind. So ging bei Dow der Umsatz in der Sparte Chemicals um 16 % und in der Sparte Plastics um 14 % zurück. Bei DSM verzeichnete die Sparte Polymere & Industriechemikalien einen Gewinnrückgang von 55 %.

Allerdings folgen nicht alle Chemiegeschäfte dem Abwärtstrend: So legte der DSM-Gewinn in der Sparte Life Science (Arzneimittelwirkstoffe und Nahrungsmittelzusätze) infolge der robusten Pharmakonjunktur um ein Fünftel zu. Das stabile Pharmageschäft verhinderte auch beim niederländischen Marktführer Akzo Nobel einen stärkeren Gewinneinbruch.

Für die anstehenden Quartalsergebnisse werden drastische Rückgänge erwartet

Bei Dow Chemical verzeichnete das Geschäft mit Pflanzenschutzmitteln als einzige Sparte einen Umsatzzuwachs. Dagegen meldetet der weltgrößte Agrochemiekonzern, die Schweizer Syngenta AG, gestern einen Umsatzrückgang von 8 %. Finanzvorstand Richard Steiblin rechnet 2002 nicht mit einer schnellen Markterholung. Syngenta werde jedoch die Gewinnmarge in diesem Jahr leicht steigern.

Für die anstehenden Quartalsergebnisse deutscher Chemiekonzerne wie BASF , Bayer , Degussa und Celanese erwartet Analyst Vara ähnlich drastische Rückgänge bei Gewinn und Umsätzen. Zugleich rechnet er damit, dass die schwachen Gewinnspannen den Trend zu Übernahmen und Fusionen beschleunigen werden. "Vielen Chemiefirmen fehlt die kritische Masse", sagt Vara. Zuletzt hatte DSM Gespräche mit dem Aventis-Konzern über dessen 25-prozentiges Aktienpaket an Rhodia bestätigt. Der Kontakt habe aber nicht zu Verhandlungen geführt, betonte DSM. Aus dem Deal wird offenbar nichts: Wie gestern aus Analystenkreisen zu hören war, wirft das verärgerte DSM-Management Aventis vor, Übernahme-Gerüchte gezielt gestreut zu haben, um den Rhodia -Kurs nach oben zu treiben. Der Rhodia-Vorstand dagegen fühlt sich den Informationen zufolge sich von DSM übergangen. Allerdings betonte Rhodia gestern erneut, dass man Kooperationen prinzipiell nicht abgeneigt sei.

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