Quartalszahlen als Einflussfaktor
Wachsender Druck auf die EZB

Die Entscheidung der US-Notenbank kam unerwartet, sowohl was das Ausmaß als auch den Zeitpunkt anbetrifft. Auch der Entschluss der Europäischen Zentralbank (EZB), die Zinsen nicht zu senken, war in der vergangenen Woche nicht erwartet worden. Jetzt stehen die europäischen Währungshüter unter Zugzwang. Es wird für sie immer schwieriger, dem Druck zu widerstehen, der von Analysten, Händlern, Wirtschaftsexperten und Politikern aufgebaut wird.

fgh DÜSSELDORF. Nach der Zinssenkung in den USA wächst der Druck auf die Europäische Zentralbank, die Geldpolitik im Euro-Raum ebenfalls zu lockern. Topmanager und Politiker drängen auf eine Zinssenkung. Nach einer Umfrage des "Handelsblatts" (Freitagausgabe) sprachen sich im April 64 % der Top-Manager für eine Zinssenkung im Euro-Raum aus. Im März waren es dagegen nur 45 %. Die Kritik an der EZB hielt sich allerdings in Grenzen. Nur 36 % der Führungskräfte bemängelten den Angaben zufolge, die Währungshüter orientierten sich zu sehr an der Geldwertstabilität zu Gunsten konjunktureller Aspekte.

Spekulationen um weitere Zinsschritte der Fed



Die US-Notenbank hatte am Mittwoch angesichts der anhaltenden Konjunkturschwäche in den Vereinigten Staaten völlig überraschend die Zinsen um einen halben Prozentpunkt gesenkt und damit die Aktienmärkte beflügelt. Es war die vierte Zinssenkung in den USA seit Anfang des Jahres. Die EZB hat die Zinsen dagegen seit vergangenem Herbst nicht verändert. Viele Marktteilnehmer erwarten nun, dass die EZB auf ihrer nächsten Sitzung die Leitzinsen senken werde, sagten Händler heute. Die erneute Zinssenkung durch die Fed habe es der EZB leichter gemacht die Zinsen zu senken, hieß es. Auf die deutschen Aktienkurse habe die Zinssenkung der Federal Reserve am Mittwoch wie ein Turbo gewirkt, meinten Händler. Laut Christian Jasperneite, Volkswirt bei M.M. Warburg, kann noch mit einer Zinssenkung um weitere 50 Basispunkte gerechnet werden. Erst dann sei das Realzinsniveau der US-Rezession von 1991 in etwa erreicht.



Nächste Fed-Sitzung am 15. Mai



Viele Volkswirte und Analysten erwarten, dass die EZB in nächster Zeit auch die Zinsen senken wird. "Wir werden rasche und kräftigere Zinssenkungen sehen, als es derzeit an den Märkten erwartet wird", meint Thorsten Polleit von Barclays Capital. Dagegen urteilt der Chefsvolkswirt der DGZ-Deka-Bank Michael Hüther: "Der Zinssenkungsdruck der Märkte nimmt zu, die Notwendigkeit einer Zinssenkung aber nicht." Unmittelbar nach dem Zinsentscheid der Fed spekulierten Volkswirte und Analysten bereits über weitere Zinsschritte der US-Notenbank. Thorsten Polleit hält einen Tagesgeldsatz von 3 % in den kommenden Monaten nicht für ausgeschlossen. Auch Ökonomen bei UBS Warburg, BNP Paribas und A.G. Edwards rechnen damit, dass die Fed die Zinsen erneut senken wird - vielleicht schon bei ihrem nächsten Treffen am 15. Mai.



Am gestrigen Mittwoch hatte die Fed die Leitzinsen überraschend um 50 Basispunkte gesenkt. Nach der schon vierten Zinssenkung in diesem Jahr beträgt der Schlüsselzins für Tagesgeld nun 4,5 %. Von einer weiteren Senkung am 15. Mai sollte nicht Abstand genommen werden, sagte Volkswirtschaftler Russel Sheldon von BMO Nesbett Burns in Toronto. Dem gestrigen Schritt sei vermutlich die Einsicht der Zentralbank vorausgegangen, dass die kurzfristigen Zinsraten in einem "stimulierenden Bereich" liegen müssen. Eine Senkung um einen weiteren Prozentpunkt wäre unvollständig.



Quartalsergebnisse bleiben im Fokus



Nach Einschätzung einiger Analysten dürften die Aktienmärkte das Schlimmste mittlerweile überstanden haben. Zwar könnten die Märkte wieder Tiefpunkte erreichen, der freie Fall der vergangenen Monate sollte aber beendet sein, sagte Charles Pradilla, Chef-Investment-Stratege bei SG Cowen Securities. Optimistisch stimmten die Analysten auch die Quartalsergebnisse einiger Technologie-Firmen, die zwar schwach ausfielen, aber nicht so schlecht wie befürchtet. Eine Einschätzung, die nicht alle Analysten teilen.



"Wir gehen derzeit noch nicht von einer grundsätzlichen Erholung an den internationalen Börsen aus", sagt Karl-Wilhelm Homburg. Der Manager des neutralen Musterdepots bei Handelsblatt.com sieht vor allem den Dax in den nächsten Monaten "eher in einer volatilen Seitwärtsbewegung als in einer Trendwende nach oben". Als entscheidenden Grund nennt Homburg, der noch keine Bodenbildung erkennen mag, die große Zahl bevorstehender US-Unternehmensmeldungen in den nächsten Wochen. Sollten diese Nachrichten, wie zuletzt bei Cisco geschehen, als Gewinn- oder Umsatzwarnung eintreffen, könnten die Kurse von Technologiewerten erneut deutlich fallen. Selbst die Aussicht auf sinkende Leitzinsen im Euro-Raum sieht der Depotmanager nicht als geeignetes Stimulans an, wieder positive Phantasien der Anleger zu wecken. So wie die befürchteten negativen Nachrichten könnten auch die erhofften positiven Meldungen nur von der Unternehmensseite kommen, glaubt Homburg. Andere Einflussfaktoren werden die amerikanischen und deutschen Börsen nach seiner Einschätzung nicht nachhaltig beflügeln.



Rentenexpertin Maria Klein von der BG Berlin betont im Gespräch mit Handelsblatt.com, sie sei - wie viele ihrer Kollegen - sicher, dass die Europäische Zentralbank schon Ende April die Leitzinsen wieder senken werde.



Analysten blicken auf Börsen-Schwergewichte wie Microsoft



Auch an den asiatischen Börsen sieht man die erwarteten Quartalzahlen vieler Unternehmen als dominierend an. "Insgesamt dürfte das Aufwärtspotenzial im Markt beschränkt sein, denn nach wie vor bestimmen die Unsicherheiten an der politischen Front sowie im Hinblick auf bevorstehende Gewinnzahlen den Handel", erklärte heute ein Händler in Tokio. "Ich würde noch nicht sagen, dass sich der Markt bereits erholt hat. Zu vieles hängt von den Zahlen von Microsoft oder auch Toshiba ab", erklärte er. Microsoft wird am späteren Donnerstag, Toshiba am Freitag die Quartalsgewinnzahlen präsentieren.



Politiker plädieren überwiegend für EZB-Zinssenkung



Der ehemalige Wirtschaftsweise Rolf Peffekoven hat in am Donnerstag einem Interview mit dem "Deutschlandfunk" die Debatte um eine mögliche Zinssenkung durch die Europäische Zentralbank (EZB) weiter angeheizt. Er sehe durchaus Raum für eine Zinssenkung, sagte Peffekoven. Die EZB werde ihren Spielraum dafür "bald" nutzen, schätzt er.



Auch der Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), Horst Köhler, sprach sich am Mittwoch in einem Interview erneut für eine baldige Zinssenkung der EZB aus. Niedrigere Zinsen stünden nicht im Gegensatz zum Stabilitätskurs der EZB, sagte Köhler. Der belgische Finanzminister Didier Reynders, der zurzeit Eurogruppe der seiner Amtskollegen aus der Euro-Zone vorsitzt, verwies hingegen auf die Unabhängigkeit der EZB. "Sie trägt die Verantwortung für die Geldpolitik", sagte Reynders in Brüssel. Der Minister, der in der vergangenen Woche andeutete, für eine Zinssenkung zu sein, sprach sich gleichzeitig für einen stärkeren Euro aus.



Eichel: "Keine Ratschläge"



Bundesfinanzminister Hans Eichel hat sich unterdessen positiv zu der am Mittwoch erfolgten Zinssenkung in den USA geäußert. "Ich finde es begrüßenswert, dass auf die US-Konjunkturdaten reagiert wurde", sagte Eichel am Donnerstag in Hannover. Zur Zinsentwicklung in Euroland wollte sich Eichel dagegen nicht äußern. "Von mir bekommt die EZB keine öffentlichen Ratschläge", sagte er.

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