"Rabatte sind wie eine Droge"
Bei PKW tobt ein beispielloser Preiskrieg in den USA

Die gesenkte Gewinnprognose von Daimler-Chrysler macht deutlich, wie stark die Rabattschlacht auf dem US-Automarkt die Bilanzen der Konzerne belastet. Wegen der schwachen Konjunktur locken die großen Massenhersteller General Motors, Ford und die Daimler-Tochter Chrysler seit vielen Monaten Kunden mit Anreizen wie zinslosen Finanzierungen oder hohen Preisnachlässen.

Reuters HAMBURG. Analysten gehen davon aus, dass der weltgrößte Automobilmarkt auch im nächsten Jahr nicht anziehen und die Hersteller ihre Käufer weiterhin mit hohen Rabatten ködern werden - mit womöglich weiteren drastischen Auswirkungen auf die Gewinne einzelner US-Hersteller. Auch in Europa arbeiten Autokonzerne zunehmend mit Kaufanreizen, doch haben die bisher bei weitem nicht die Ausmaße wie der Rabattkampf in den USA angenommen.

Auf dem US-Markt ist nach Experteneinschätzung ein Ende der seit den Anschlägen des 11. September 2001 von den Herstellern in Gang gesetzten Preisspirale nach unten nicht in Sicht. "Ich glaube nicht, dass wir da in Kürze einen Trend zum Besseren erleben werden", sagte Patrick Juchemich vom Bankhaus Sal Oppenheim am Mittwoch. "Man wird irgendwann erkennen, dass man auf dem Preisniveau nicht operieren kann", hofft Juchemich auf Erkenntnis bei den Autobauern. Arndt Ellinghorst, der für West-LB Panmure die Automobilbranche beobachtet, sieht eine Stagnation der Nachfrage für längere Zeit voraus. "Vom Volumen her wird in den nächsten Jahren nichts kommen."

Hersteller in den USA produzieren auf Vorrat

In den USA produzieren die Hersteller vorwiegend auf Vorrat, während in Europa Fahrzeuge meist auf Bestellung gefertigt werden. Bleibt in den USA demnach die Nachfrage nach bereits produzierten Fahrzeugen aus, sind starke Nachlässe vielfach unausweichlich.

Der US-Automobilmarkt entspricht nach Einschätzung von Experten zurzeit einem klassischen Deflationsszenario: Die Preise sinken bei gleichzeitig zurückgehender Nachfrage. "Ohne massive Produktionskürzungen kommt man da nicht heraus", sagte Ellinghorst. Davon blieben europäische Hersteller bislang verschont, weil sie nicht mit Preisnachlässen wie die US-Konkurrenz arbeiteten und wie BMW oder Porsche außerdem Markt-Nischen besetzen. Die Schwäche von Volkswagen auf dem US-Markt sei in erster Linie auf die im Vergleich zur Konkurrenz nicht ganz frische Modellpalette der Wolfsburger zurückzuführen, sagte Ellinghorst.

Im Mai konnte unter den großen US-Herstellern nur Marktführer General Motors mit Hilfe von Kaufanreizen wie zinslosen Autofinanzierungen seinen Absatz um vier Prozent auf 426.838 Fahrzeuge steigern. Seit Jahresbeginn verzeichnete der Konzern jedoch ein Minus von 6,1 Prozent. Dagegen musste der Branchenzweite Ford trotz massiver Rabatte einen Absatzrückgang um unbereinigt 0,7 Prozent verkraften, auf vergleichbarer Basis belief sich das Minus auf 5,8 Prozent.

Mit minus 13 Prozent überdurchschnittlich hohe Verkaufseinbußen zum Vorjahresmonat musste Volkswagen auf dem US-Markt hinnehmen. Deutlich besser schnitt die BMW-Gruppe ab, die mit den Marken BMW und Mini neun Prozent mehr verkaufte. Porsche feierte dank seines neuen Sportgeländewagens Cayenne mit einer Steigerung um knapp 30 Prozent in den USA sogar einen Absatzrekord.

Ähnliche Preisschlachten werden in den USA nicht erwartet

Nach Ansicht von Analysten sind Preisschlachten wie in den USA in Europa zurzeit nicht zu erwarten, da die Hersteller hier die meisten Fahrzeuge erst produzieren, wenn Kundenaufträge vorliegen. In den USA bestellt der Käufer dagegen nicht wie in Deutschland nach gewünschter Motorisierung, Ausstattung und Farbe, sondern entscheidet oft kurzfristig.

Dabei wenden die US-Händler manchmal den Trick an, dass sie höhere Preise ausschildern und darauf Abschläge von mehreren tausend Dollar gewähren - die Preisnachlässe schlagen sich also nicht automatisch in der Ertragsrechnung nieder. Auf Dauer droht allerdings auch bei dieser Praxis einigen Herstellern die Luft auszugehen, schätzen Branchenexperten.

"Ein Problem ist, die Konsumenten von dieser Gewohnheit abzubringen", sagt Autoanalyst Juchemich. Rabatte seien wie eine Droge. Deshalb erwartet er, dass sich die Preise erst langfristig wieder auf normalem Niveau einpendeln werden.

In Europa belaufen sich die Rabatte Juchemich zufolge im Durchschnitt auf 1200 bis 1400 Euro und sind damit nur etwa halb so hoch wie in den USA. Volkswagen geht früheren Angaben zufolge nicht über 700 Euro hinaus und tut dies vor allem in Form von höheren Ausstattungen, für die die Käufer nicht bezahlen müssen.

Die anhaltende Branchenflaute bringt allerdings auch einige Hersteller hier zu Lande in Zugzwang. Sie müssen entscheiden, greifen sie zu Produktionskürzungen oder versuchen sie, den Absatz auf einigermaßen stabilem Niveau zu halten, indem sie den Absatz mit Preisnachlässen ankurbeln. Die Entwicklung gehe bereits in diese Richtung, sagt Juchemich. "Wenn ich heute zum VW-Händler gehe und ihm einen Golf IV abkaufe, gehe ich nicht unter 15 Prozent (Preisnachlass) "raus."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%