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Radeln in Rückenlage

Kriftel/Bremen (dpa/gms) - Sie sind die Exoten der Radwege - jene Zweiräder, die je nach Auslegung Liege- oder Sesselräder genannt werden.

Kriftel/Bremen (dpa/gms) - Sie sind die Exoten der Radwege - jene Zweiräder, die je nach Auslegung Liege- oder Sesselräder genannt werden.

Doch während mancher Normalradler die außergewöhnlichen Fortbewegungsmittel einfach als eine etwas spleenige Idee abtut, würden deren Eigner in der Regel nur ungern tauschen. Denn tatsächlich sollen sowohl die sportlichen und tourentauglichen Liegeräder als auch die bequemen Sesselräder manche Vorteile gegenüber alltäglichen Zweiradmodellen bieten.

Die beiden Gattungen unterscheiden sich nicht nur von den üblichen Tretmaschinen - sie sind auch untereinander grundverschieden. «Ein Sesselrad hat eine Art Sessel als Sitz, der auch den Rücken stützt», erklärt Siegfried Neuberger, Geschäftsführer des Zweirad Industrie-Verbandes (ZIV) in Kriftel in Hessen.

«Das Tretlager und die Pedale befinden sich aber noch in dem Bereich, in dem sie auch bei herkömmlichen Fahrrädern sind.» Weiter vom Üblichen entfernen sich Liegeräder - nicht nur, weil der Fahrer mehr oder weniger auf dem Rücken in seiner Sitzschale liegt. «Das Tretlager ist meist vorne angebracht, und zwar vor und über dem Vorderrad.» Auch beim Lenken muss umgelernt werden: «Der Lenker befindet sich unter dem Sitz.»

Ein typisches Sesselrad aktuellen Stils ist das Revive von Giant in Düsseldorf. «Der Sitz ist so konstruiert, dass man sich beim Fahren fühlt, als würde man auf einer Couch sitzen», so Firmensprecher Sebastian Meyer-Detring. Die Rückenstütze des Sitzes soll aber nicht nur der Bequemlichkeit dienen.

«Man sitzt aufrechter, als auf einem normalen Sattel.» Hinzu kommt ein etwas anderer Winkel der Beine beim Treten der Pedale. Er soll das Radfahren auch bei Knieproblemen möglich machen. Gedacht ist das Bequem-Rad allerdings nicht für alle Arten von Fahrten: «Es ist relativ massiv und schwer, eignet sich für den Stadtverkehr - aber weniger für lange Touren.»

Genau umgekehrt verhält es sich mit den Liegerädern. Hier geht es vor allem um Langstrecken oder um betont sportliches Fahren. «Komfort steht aber auch hier an erster Stelle», sagt Paul Hollants, Inhaber des Herstellers HP Velotechnik in Kriftel. Zum einen gibt es eben den großen Sitz, in dem der Fahrer mehr oder weniger rücklings liegt. Hinzu kommt, dass durch die Rückenlage keine Schmerzen in Handgelenken oder Nacken wie beispielsweise beim vorn über gebeugten Fahren auf einem Mountainbike entstehen. Die Bandscheiben sollen ebenfalls weniger als bei der vorgebeugten Haltung belastet werden.

«Was viele Leute zu diesen Fahrrädern bringt, ist besonders die Geschwindigkeit», so Hollants. Denn die flache Sitzposition bringt auch eine verbesserte Aerodynamik mit sich. Dieser Punkt lässt laut Hollands auch Rennradfahrer auf diese Räder aufmerksam werden. Reiseradler interessiert dagegen noch ein anderer Vorteil: «Man kann mehr Gepäck mitnehmen als auf einem normalen Rad. Unter dem Sitz ist viel Platz, dieser Unterbringungsort ist auch gut im Hinblick auf den Schwerpunkt.»

Anders als Sesselräder werden die Liegeräder von den Fachleuten nicht empfohlen, wenn es ausschließlich um den Einsatz in der Stadt geht, was vor allem eine Folge der niedrigen Bauhöhe ist. «Die Liegeräder werden im Stadtverkehr nicht so von den Autofahrern beachtet», so Karsten Klama vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (Adfc) in Bremen.

Während der typische Radfahrer durch seine hohe Sitzposition meist recht gut zu sehen ist, verschwindet der liegende Radler unsichtbar zum Beispiel hinter parkenden Autos. Eine Gefahr, die viele Liegeradler zu verringern versuchen, indem sie an ihrem Rad eine hoch aufragende Stange mit einem Fähnchen montieren.

Allerdings heißt all das nicht, dass Liegeräder in Städten gar nichts zu suchen haben. «Sie eignen sich auch, wenn man zum Beispiel einen längeren Fahrweg zur Arbeit hat», so Klama. Denn wegen der besseren Aerodynamik komme man flott mit vergleichsweise wenig Anstrengung voran. Außerdem ließen sich an vielen Modellen auch Verkleidungen montieren, die Schutz vor Wind und Wetter bieten.

Das größte Hindernis für eine größere Verbreitung der außergewöhnlichen Radkonzepte sind vorerst wohl die Preise. Weil sie ein Nischenprodukt sind, werden die Fahrräder meist von kleineren Unternehmen und oft in Handarbeit angefertigt.

«Das günstigste Modell bei uns kostet etwa 700 Euro», so Hollants. «Ein echtes Reiserad gibt es ab 2000 Euro.» Auch das Sesselrad Revive ist kein Sonderangebot: Laut Sebastian Meyer-Detring liegen die Preise je nach Ausstattung zwischen 700 und etwa 1200 Euro.

Auch wenn Liegeräder heute als Exoten gelten - neu ist die Idee nicht. Laut Paul Hollants gab es solche Gefährte bereits am Ende des 19. Jahrhunderts. In den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts sorgten sie bei Radrennen für Furore, bis sie wegen ihrer hohen Geschwindigkeiten verboten wurden. Wiederentdeckt hat man sie in den siebziger Jahren in den USA: Damals suchten Forscher nach Möglichkeiten, mit neuen Radkonzepten das Risiko von Kopfverletzungen bei Radfahrern zu verringern.

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