Radikaler Absturz des Aktienkurses
Beim Marconi-Konzern kracht es im Gebälk

Nach dem radikalen Absturz des Aktienkurses ist ein Machtkampf um die Führung des Telekomausrüsters entbrannt. Nun droht auch noch Unheil aus den USA: Verärgerte Anleger drohen mit einer Sammelklage. Der Vorwurf: Das Management habe mit rosigen Prognosen die Anleger getäuscht.

HB LONDON. Zeit ist Geld. Und manchmal kosten Minuten sogar Milliarden. Die Rede ist allerdings nicht vom Zocker-Roulette, sondern vom britischen Konzern Marconi Plc. Firmenchef George Simpson hätte vergangene Woche sicher gern die Zeit angehalten. Nach der Gewinnwarnung des Konzerns am Donnerstag brachen alle Dämme: Innerhalb von 20 Minuten verlor der Konzern ein Drittel seines Wertes.

Nachdem sich der Aktienkurs des Telekomausrüsters insgesamt um mehr als die Hälfte reduziert hat, kann sich Marconi rühmen, den größten Wertverlust eines FTSE-Unternehemens innerhalb eines Tages geschafft zu haben. Seit Tagen hält sich der Kurs gerade noch über der psychologisch wichtigen Marke von einem Pfund. Vor einem Jahr hatte die Aktie spielend die 12- £-Marke geschafft.

Konzernchef Simpson gesteht inzwischen ein, dass sein einst so stolzer und reicher Konzern mit einem Marktwert von weniger als 3 Mrd. £ zum Übernahmeobjekt geworden ist. Ist damit die Marconi-Aktie auch zum Kaufwert geworden?

Von den Experten in London sind eher warnende Stimmen zu hören. Selbst die Marconi-Hausbank UBS Warburg hält nach der Gewinnwarnung die Einschätzungen des Managements noch für zu positiv. Fast alle Banken und Ratingagenturen haben den britischen Konzern zudem kräftig abgewertet. Und es droht neues Unheil: Für verärgerte US-Investoren haben Anwälte Sammelklagen gegen den britischen Konzern eingereicht, da das Management "falsche und irreführende" Angaben gemacht habe.

Noch nicht einmal das Gerücht, die Pariser Alcatel-Gruppe überlege einen Kauf von Marconi, konnte Anfang dieser Woche den Kurs beflügeln. Der "Marconi-Schock" sitzt bei den Anlegern zu tief. Die Aktie galt lange Zeit - ähnlich wie British Telecom - als sicherer Blue-Chip-Wert. Marconi gehört zu den größten Unternehmen in Großbritannien und kann auf 112 Jahre alte Wurzeln verweisen. Der Telekom-Ausrüster war 1999 aus dem Industrie- und Rüstungskonzern General Electric (GEC) entstanden, der unter seinem Ex-Chef Lord Weinstock zu den gesundesten Unternehmen im Lande gehörte.

Vertrauen verspielt

Dieses Vertrauen ist verspielt. Für Sanjay Jha, IT-Analyst bei Williams de Broe, hat Marconi den Markt völlig falsch eingeschätzt. Auch Gavin Cartledge, Analyst bei Gartmore Fund Managers, kritisiert die Strategie. Seit Monaten sei klar gewesen, dass der abflauende Trend am US-Markt die Telekom-Branche in Europa erreichen werde. Doch Simpson & Co erweckten noch vor wenigen Monaten bei den Anlegern den Eindruck, Marconi sei davon nicht betroffen.

Genau das ruft die US-Kläger auf den Plan. Das Management habe der Investoren-Gemeinde falsch versichert, dass Marconi ihre Gewinnplanung nicht verändern müsse, so die Anwälte. Das kann teuer werden. Procter & Gamble zum Beispiel zahlte in einem ähnlichen Fall umgerechnet gut 100 Mill.DM, um eine solche Sammelklage zu verhindern.

Und schon tobt ein neuer Machtkampf um die Marconi-Spitze. Der heute 77-jährige Weinstock hatte das Ruder 1996 nach 33 Jahren an seinen Nachfolger Simpson übergeben. Er wirkt aber noch heute als starker Mann hinter den Kulissen - eher gegen seine Nachfolger. Denn Simpson hat mit Finanzchef John Mayo schnell das alte Weinstock-Imperium zerschlagen. Der GEC-Rüstungsbereich wurde an BAE Systems verkauft, aus dem Rest entstand der neue Telekom Ausrüster Marconi.

Erfolgreichen Wandel gefeiert

Lange blieben die Spannungen zwischen Ehren-Chairman Weinstock und Marconi-Chef Simpson unbeachtet. Denn der Umbau des Konzerns wurde als Beispiel für den erfolgreichen Wandel eines alten Industriekonzerns zur New Economy gefeiert. 50 000 Mitarbeitern weltweit, Standorten in Großbritannien, ein Umsatz von umgerechnet mehr als 10 Mrd. DM und ein zunächst boomender Aktienkurs - alles sprach für Marconi.

Dieser Traum ist erstmal vorbei: Marconi erklärte nun kleinlaut, dass der Umsatz im laufenden Geschäftsjahr um 15 Prozent fallen werde. Der Gewinn werde sich sogar halbieren. Zu dem bereits verkündeten Abbau von 6 000 Stellen kommt die Streichung weiterer 4 000 Arbeitsplätze.

Finanzchef John Mayo musste inzwischen wegen der überraschenden Hiobsbotschaften gehen. Dabei galt er als Mann der Zukunft: Er sollte in wenigen Tagen Simpson auf dem Marconi-Chefsessel ablösen.

Doch Weinstock macht mächtig Druck. Auch Simpson wird in London nur noch als Übergangskandidat gehandelt. Wie sich die Zeiten geändert haben, zeigt diese Geschichte: Als der GEC-Konzern 1989 ein feindliches Übernahmeangebot für den Konkurrenten Plessey machte, war die Offerte von 2 Mrd. £ eine Sensation. Auf die Frage an Konzernchef Weinstock, wie er das bezahlen wolle, antwortete der gelassen: "Da schreibe ich einfach einen Scheck." 12 Jahre später ist der Nachfolge-Konzern Marconi gerade noch etwas mehr wert. Die Marconi-Aktionäre müssen sich sicherlich noch auf einiges gefasst machen.

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