Radsport: Gerolsteiner steigt in die erste Liga auf: Italiener sagen Ja zu deutschem Wasser

Radsport: Gerolsteiner steigt in die erste Liga auf
Italiener sagen Ja zu deutschem Wasser

Der Radsport ist um ein deutsches Team in der ersten Liga reicher. Neben Telekom und Coast sprintet nun auch Gerolsteiner auf höchstem Niveau um die Zuschauergunst. Mit neuem Star und neuen Millionen will die Nummer eins beim Wasser die Marke vorantreiben - trotz aller Risiken.

HB GEROLSTEIN. Das Potenzial, das im Radsport steckt ist lange unterschätzt worden", sagt Peter Traumann und nimmt einen tiefen Zug aus der Zigarette. Eine Sportskanone, das gesteht der Vorsitzende der Gerolsteiner Brunnen GmbH, sei er nicht. Ihn treibt anderes um: Gerolsteiner first! Das ist Traumanns Credo. "Erst wenn eine Marke richtig durchgeschwitzt ist", glaubt der Firmenchef, "wird sie den Menschen richtig sympathisch."

Tatsächlich kann der Radsport als Werbeträger sehr attraktiv sein. Denn im Verhältnis zu Fußball oder Formel 1 lässt sich mit niedrigerem finanziellen Aufwand eine Menge Publikumspräsenz erzielen. So verteidigt die Telekom seit vier Jahren ihre Stellung als bekanntester Sportsponsor Deutschlands in erster Linie mit Hilfe der Rad-Stars um Jan Ullrich und Erik Zabel. Das haben Marktforscher vom Inra-Institut herausgefunden.

Doch die Konkurrenz schläft nicht: Fast jeder fünfte Radsportinteressierte habe sich im vergangenen Jahr im Telekom-Windschatten auch an das Team Gerolsteiner erinnert, heißt es bei Inra. Für den Getränke-Riesen mit rund 200 Millionen Euro Umsatz bedeutet das eine Steigerung um rund zehn Prozent. So viel gute Marketing-News wecken in der Firmenzentrale in der Vulkaneifel neuen Ehrgeiz: Gerolsteiner zieht sich aus dem Leichtathletik-Sponsoring zurück und konzentriert sich stärker auf das Rad-Team.

Allein im vergangenen Jahr haben laut Auswertung rund 500 Millionen Menschen das Gerolsteiner-Team etwa vier Stunden lang im Fernsehen gesehen - und das, obwohl man noch in Zweitliga-Pedale trat. In dieser Saison fährt man erstmals an der Weltspitze - gute Leistungen im Vorjahr und die Verpflichtung des Italieners Davide Rebellin samt der Helfer Daniele Contrini und Ellis Rastelli machen?s möglich. Mit dem Dritten der Weltrangliste sollen bald - rein statistisch - 900 Millionen Deutsche den Wasser-Schriftzug auf den Trikots der Radler 6,5 Stunden lang im TV bewundern.

Wie viel sich der führende deutsche Mineralwasserhersteller das schweißtreibende Geschäft kosten lässt, ist ein Geheimnis. Eine zweistellige Millionensumme gilt in der Radsportbranche jedoch als unerlässlich, um ein solides GS-1-Team ins Rennen schicken zu können. Beim Team Telekom gehen Branchenkenner von mindestens zehn Millionen Euro an Sponsorgeldern jährlich aus. Der Essener Modeunternehmer Günther Dahms gibt seinem Team Coast fünf Jahre und für diese Zeit 30 Millionen Euro, um den Namen Coast in die Köpfe der Menschen einzubrennen. Nicht nur Material und Logistik werden immer teurer - auch die Spitzenfahrer verlangen inzwischen ein Salär, das häufig im sechsstelligen Bereich liegt und immer wieder auch die Millionengrenze übersteigt.

Davide Rebellin ist so ein Star. Seit vier Jahren hält sich der 30-Jährige in den Top Ten der Weltrangliste. Er gilt als beständiger Fahrer bei Eintagesrennen und Spezialist für Klassiker wie Mailand - San Remo oder Lüttich - Bastogne - Lüttich. Dieses Rennen will er in diesem Jahr gewinnen, nachdem er in den Vorjahren Zweiter und Dritter geworden war. "Davide ist der ideale Mann für uns", sagt Hans-Michael Holczer, Team-Manager von Gerolsteiner. Er sei der "Garant für die Startrechte bei Weltcup-Rennen" - und die damit verbundene Aufmerksamkeit.

Rebellin wird der Kapitän bei Gerolsteiner sein. "Natürlich erhoffen wir uns auch einen Sogeffekt für die Mannschaft", bekennt Holczer. "Idealerweise wie beim Team Telekom nach der Verpflichtung von Bjarne Riis 1996." Zur Erinnerung: Der Däne hatte bei der Tour de France 1998 einen Helfer an seiner Seite, der schließlich so stark war , dass er aus dem Schatten von Riis zum Toursieg fuhr - Jan Ullrich.

Natürlich läuft das nicht immer so geschmiert. Die Investition in ein Radteam birgt eine gute Portion Risiko: Verletzungsgefahr, Doping-Diskussion und manchmal einfach Pech. "Mit der Brechstange erzwingen kannst du nichts", so Ex-Radprofi Marcel Wüst, heute Sprecher vom Team Coast. Und tatsächlich hatte die Mannschaft, die der Bekleidungsunternehmer Günther Dahms vor knapp zwei Jahren mit einer Millioneninvestition aus der Taufe hob, nicht gleich den erhofften Erfolg. So nahm man im ersten GS-1-Jahr 2001 für Millionen zwar die Weltstars Alex Zülle und Fernando Escartin unter Vertrag. Doch angesichts flauer Leistungen, Dopingdiskussionen und der eigenwilligen Einladungspolitik der Franzosen zur Tour de France hatte man zurückstecken müssen. "Ein Realist weiß, dass das erste Jahr immer das schwierigste ist", sagt Wüst. Der diesjährige Saisonstart gelang besser: Coast-Fahrer Thorsten Wilhelms gewann die Katar-Rundfahrt. Und was den Sponsor besonders freute: Der Wüstentrip wurde von den Machern der Tour de France organisiert.

Die wirkliche Medienpräsenz winkt einem Team, wenn die Mannschaft Etappen-Erfolge bei den großen Rundfahrten einfährt. Giro d'Italia, Tour de Swiss, Vuelta und - als unbestrittener alljährlicher Höhepunkt - die Tour de France. Sowohl Coast als auch Gerolsteiner hoffen in Frankreich auf Wildcards. Zumindest der Giro d?Italia aber könnte aus Sicht der deutschen Fans 2002 ein Novum sein. Nicht nur, dass der Tross in Münster und Köln Station macht - hier werden wohl auch die drei deutschen Teams erstmals bei einer großen Runde aufeinander treffen.

Die Gegenspieler nehmen die neuen Herausforderer in der ersten Liga gelassen. "Konkurrenz belebt das Geschäft", sagt Marcel Wüst. Und Olaf Ludwig, Sprecher vom Team Telekom: "Dem Image des Radsports in Deutschland tut das nur gut." Peter Traumann wird es mit Freude vernehmen.

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