Radsprinter Wolff verschenkt seine Medaillen
Heintje mit dem Ulbricht-Bart

Er studiert Philosophie und gehört zu den Paradiesvögeln im deutschen Olympiateam. Bahnrad-Sprinter René Wolff behält seine zwei Medaillen nicht - er verschenkt sie.

HB ATHEN. René Wolff liest Oscar Wilde und hat den Anfang eines Rilke-Gedichts in die Innenseiten seiner Unterarme tätowieren lassen - in chinesischen Schriftzeichen. Die Extravaganz ist dem 26-jährigen Erfurter, abgesehen von einem leicht an Walter Ulbricht erinnernden Kinnbart, nicht unbedingt anzusehen. Kein Wunder, dass der schnelle Sprinter, der in Athen Gold im Team und Bronze im Einzel-Wettbewerb holte, bei den deutschen Bahnfahrern eine Sonderstellung einnimmt. Ein Außenseiter ist er aber nicht. "Er liest zwar andere Bücher als die anderen, lacht aber über die gleichen Witze", sagte Sportdirektor Burckhard Bremer.

"Meine Medaillen schenke ich meinem Heimtrainer Jochen Wilhelm, der seit zwölf Jahren Tag und Nacht für mich da ist und fast zum Vater-Ersatz geworden ist. Nicht nur die Sportler sollten Sieger-Lorbeer sammeln", sagte Wolff. Der Thüringer, Spitzname "Heintje", studiert Philosophie und Literaturwissenschaften und legte für seinen Athen-Trip und die Vorbereitungen darauf ein Urlaubssemester ein. Zur Zeit beschäftigt er sich weniger mit Medaillen-Statistiken oder tüftelt über die richtigen Trittfrequenzen: "Im Moment lese ich "Das Bildnis des Dorian Gray' von Oscar Wilde - gefällt mir sehr gut".

Von Selbstverliebtheit wie beim Romanhelden oder manchen Sprint- Konkurrenten ist bei Wolff keine Spur. Auch mit der üblichen Bodybuilder-Figur der schnellen Männer kann er nicht dienen. "Ich habe mit 75 Kilo mein Idealgewicht. Damit komme ich am besten zurecht. Ich hatte es auch mal mit etwas mehr Muskelmasse versucht. Aber 80 Kilo waren für mich zu viel", meinte Wolff, der mit Silbermedaillengewinner Teo Bos den neuen Typ des Sprinters verkörpert. Auch der Niederländer wirkt nicht so kolossal wie Olympiasieger Ryan Bayley, Sean Eady oder auch Jens Fiedler.

Doch auch als "Leichtgewicht" kam der Erfolg. Der belesene Mann mit der tätowierten Rilke-Weisheit ("Du musst das Leben nicht verstehen, dann wird es wie ein Fest") brachte es schon vor dem letzten Auftritt am Schlusstag der Bahn-Wettbewerbe im Keirin auf Gold und Bronze und ist gemeinsam mit Zeitfahrer Stefan Nimke aus Schwerin erfolgreichster deutscher Olympia-Radler.

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