Rätselraten über Gründe für Bekenntnis
Müllers zweiter Hammer

Nach seinem "Theater-Donner" hat sich Peter Müller erst einmal in den Osterurlaub verabschiedet. Doch so richtig dürfte der saarländische Ministerpräsident über die Feiertage nicht zur Ruhe kommen. Sein Sonntags-Auftritt im Staatstheater Saarbrücken, wo er die tumultartige Reaktion der Unions-Fürsten im Bundesrat freimütig als "Theater" bezeichnet hatte, hat überall in CDU und CSU nur Kopfschütteln ausgelöst.

HB/dpa SAARBRÜCKEN/BERLIN. Nach der umstrittenen Abstimmungswertung durch SPD-Mann Klaus Wowereit auf dem Stuhl des Bundesratspräsidenten wollten die Unions-Strategen die SPD noch mehr in die Defensive drängen. Doch das ist jetzt nur schwer möglich. "Das war der zweite Hammer von Müller in den letzten drei Monaten", heißt in der Partei.

Bis zum Dezember vergangenen Jahres war der 46-Jährige Jurist Müller bundespolitisch auf dem aufsteigenden Ast. Mit dem Gewinn der Landtagswahl 1999 war ihm das seltene Kunststück gelungen, aus der Opposition zu einer Alleinregierung zu kommen. Das hatte ihm hohes Ansehen in der Bundespartei eingebracht. Das festigte er noch durch seine Arbeit als Chef der CDU-Zuwanderungskommission. Ihr Papier wurde in der Partei fast einmütig positiv bewertet.

Intern galt Müller als einer der Politiker, auf den sich CDU-Chefin Angela Merkel verlassen konnte. Umso größer war dann das Erstaunen, als im Dezember bekannt wurde, Müller habe in einem Hintergrundgespräch angedeutet, er und andere CDU-Spitzenpolitiker würden sich für CSU-Chef Edmund Stoiber als Kanzlerkandidaten aussprechen. Die Äußerung fiel damals kurz nach dem Dresdner Parteitag, auf dem die Partei für die Zeit bis Januar erst einmal einen Burgfrieden in der K-Frage geschlossen zu haben schien. "Wir schmeißen mit dem Hinterteil um, was wir mit den Händen aufgebaut haben", war eine der empörten Reaktionen.

Querdenker Müller stand die Sache durch und gelobte Besserung. Im Zuwanderungsstreit blieb er in den Gesprächen mit der Bundesregierung der Unterhändler der CDU-Führung. Er schien in der Union am meisten den Kompromiss mit der Regierung zu suchen. Manche argwöhnten schon, Müller mache Alleingänge. Nachdem Stoiber aber zum Kanzlerkandidaten gekürt worden war hielt er sich an die Linie des CSU-Chefs.

Warum nun Müller am Sonntag in Saarbrücken patzte, ist Spitzen-Politikern in der Union ein Rätsel. "Ich weiß es nicht", hört man von vielen, wenn man nach Gründen fragt. Offenkundige Konsequenzen wird es für den Regierungschef nicht haben. In Stoibers Schattenkabinett wollte er ohnehin nicht, da er erst einmal 2004 seine Wiederwahl im Saarland erreichen will. Und mit öffentlicher Kritik halten sich die CDU-Politiker zurück, um den Schaden nicht noch größer zu machen.

Als Landesvater erinnert Müller im Saarland mit seinem Taktieren und flotten Sprüchen inzwischen des öfteren auch an SPD-Vorgänger Oskar Lafontaine. Gewerkschafter meinen, Müller verkaufe sich gut, doch bei derzeit 9,4 % Arbeitslosigkeit an der Saar und hohen Schulden sei die Leistung immer noch mager.

Auf seiner Habenseite stehen jedoch die Durchsetzung von Reformen wie die Verkürzung der Schulzeit von zwölf auf 13 Jahre bis zum Abitur, Beitragsfreiheit für alle Eltern im letzten Kindergartenjahr und Einstellung von mehr Polizisten und Lehrern. Politisch umstritten ist die Zurückhaltung der Saar-Regierung beim Thema Ganztagsschule sowie das offene Eintreten für ein absehbares Ende des Kohlebergbaus im Saarland. Müller kommt aber bei den Wählern an: Nach der aktuellsten Meinungsumfrage im Saarland hatte die CDU ihre absolute Mehrheit von 45,5 % auf rund 50 % weiter ausgebaut.

Wenn er auch 2004 siegt, hat Müller den vollen Sprung auf die bundespolitische Bühne nicht ausgeschlossen ("für welches Amt auch immer"). Dann könnte auch sein Theaterauftritt vom Sonntag vergessen sein.

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