Rahmenbedingungen werden geprüft
Neuordnung der Spiegel-Verhältnisse zieht sich hin

Nach dem Verlag Gruner+Jahr haben am Mittwoch auch die Mitarbeiter des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" erklärt, dass sie ihren Anteil an dem Verlag um 0,5 Prozent aufstocken wollen.

HB/dpa HAMBURG. "Es gibt eine grundsätzliche Kaufbereitschaft", sagte "Spiegel"- Sprecherin Eva Wienke in Hamburg. "Jetzt werden die Rahmenbedingungen geprüft." Gruner+Jahr (G+J) hatte bereits am Vortag mitgeteilt, man habe die Option für 0,5 Prozent der "Spiegel"-Anteile ausgeübt und den Erben des verstorbenen Herausgebers Rudolf Augstein einen angemessenen Preis für die Anteile genannt.

G+J und die Mitarbeiter dürfen nach dem Tod Augsteins jeweils 0,5 Prozent der Anteile von den Erben kaufen, weil es der Gesellschaftervertrag so vorsieht. Würde diese Regelung umgesetzt, so hätten künftig die Mitarbeiter 50,5 Prozent am "Spiegel", G+J eine Sperrminorität von 25,5 Prozent und die Augstein-Erben 24 Prozent. Daraus ergeben sich weit reichende Folgen für die Machtverhältnisse im "Spiegel": Wesentliche Beschlüsse, etwa die Bestellung eines Chefredakteurs, können mit einer Mehrheit von 76 Prozent gefällt werden. Die Erben des Magazingründers hätten damit formal keinen bestimmenden Einfluss mehr; G+J, das zu Bertelsmann gehört, und die Mitarbeiter könnten sie gemeinsam überstimmen.

Doch bis es soweit ist, werden wohl noch einige Monate ins Land gehen. Der Gesellschaftervertrag wirft einige rechtliche Fragen auf, und auch der Wert der Anteile muss zunächst noch festgestellt werden. Meinungsbildung und Entscheidungsfindung nehmen beim "Spiegel" beinahe schon traditionell eine gewisse Zeit in Anspruch, wenn es um wesentliche Fragen des Unternehmens geht. Es gibt für die Mitarbeiter nach Informationen aus dem Haus aber auch keinen besonderen Zeitdruck: Der Verlag laufe trotz der allgemeinen Medienkrise gut.

Auch branchenweite Spekulationen über einen Machtkampf um die Herausgeber-Position werden intern als "ziemlicher Quatsch" gewertet. Chefredakteur Stefan Aust hatte unmittelbar nach dem Tod des Patriarchen einen Pflock eingerammt: "Nach ihm kann und wird es keinen Herausgeber geben, der diesen Titel verdient. Die Schuhe sind zu groß." Der Chefredakteur, den Augstein 1994 gegen den Widerstand der Redaktion durchdrückte, sitzt fest im Sattel und ist ohne Alternative. Augstein war in den letzten beiden Jahren wegen seiner Krankheit ohnehin in Verlag und Redaktion nicht mehr oft präsent.

Augstein-Tochter Franziska, die als Journalistin bei der "Süddeutschen Zeitung" arbeitet, hat bislang nicht erkennen lassen, dass sie eine berufliche Zukunft beim Magazin ihres Vaters anstrebt. Gleichwohl gab eine nicht eingeplante kurze Ansprache bei der Trauerfeier am vergangenen Montag Anlass zu Interpretationen: "Die Welt" entdeckte in ihren Worten eine verdeckte Kampfansage und allerlei verschlüsselte Botschaften. Die Bewertung aus dem Hause klingt dagegen viel harmloser: Franziska Augstein habe schlicht das Bedürfnis gehabt, im Rahmen der Trauerfeier ein paar Worte über ihren toten Vater zu sagen.

Für Gruner+Jahr stellt sich so kurz nach dem Tod Rudolf Augsteins die Herausgeber-Frage ohnehin nicht. "Nach unserer Auffassung sollte Rudolf Augstein als Gründungsherausgeber des "Spiegel" im Impressum bleiben", sagt G+J-Sprecher Kurt Otto. So hält es der "Spiegel" bereits jetzt, und so wird es wohl auch erst einmal bleiben.

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