Ranghöchster deutscher Manager bei einem Auslandskonzern
„Ich bin ein Zigeuner“

Neugier trieb Fred Langhammer schon mit 18 ins Ausland und führte ihn bis an die Spitze von Estée Lauder.

Seine Heimat ist München, und in New York ist er Stammkunde der deutschen Metzgerei Schaller & Weber auf der Upper East Side. Doch eigentlich sieht sich Fred Langhammer als Weltbürger. Seit vier Jahren ist er Chef des US-Kosmetikriesen Estée Lauder und so der ranghöchste deutsche Manager bei einem Auslandskonzern.

Umgeben von attraktiven Frauen, empfängt der hoch gewachsene Mann seine Besucher auf der 40. Etage des Trump-Towers und geleitet sie in sein Büro mit Blick auf den New Yorker Central Park. Das in den USA normalerweise den Chefs vorbehaltene Eckbüro nebenan ist der verstorbenen Gründerin des nach ihr benannten Unternehmens gewidmet.

Bei Estée Lauder, das unter anderem Cremes und Lippenstifte der Edelmarken Clinique, MAC und Aveda herstellt, sind vier von fünf Mitarbeitern Frauen. "Phantastisch. Super ist das", freut sich Langhammer, der seinen Mitarbeiterinnen auch im sittenstrengen Amerika gerne mal den Arm um die Schultern legt und Frauen auch im Arbeitsumfeld mit Küsschen begrüßt.

"Die USA sind wirtschaftlich auch deshalb so stark, weil sie die Frauen stärker in Entscheidungsprozesse eingebunden haben", ist Langhammer überzeugt. Und er macht keinen Hehl daraus, dass er sich unwohl fühlt, wenn er einen Raum betritt, in dem 50 Männer sitzen und keine einzige Frau.

Privat spielt neben seiner Gattin und seiner Tochter eine weitere Frau eine Rolle in seinem Leben: seine Mutter. Wenn sie im September 90 Jahre alt wird, wird ihr Sohn vor der Tür stehen. "So gehört sich das", sagt der Deutsche pflichtbewusst. Als die U.S. Foundation-China for International Exchanges ihm im November vor zwei Jahren in der Volkskammer den Marco-Polo-Preis verlieh, dachte er sich: Wenn das meine Mutter sehen könnte. Sie war skeptisch, als ihr Sohn, gerade 25 Jahre alt, damals nach Japan ging, um für ein britisches Handelshaus zu arbeiten.

Diesen Schritt hat er nie bereut. "Wenn ich heute 25 wäre, dann würde ich morgen meine Koffer packen und nach Schanghai oder Moskau ziehen", sagt er. Dort könne man rasante Veränderungen erleben, schwärmt er, und seine langen Beine bewegen sich unruhig, als würde er gleich selber loslaufen. "Wer nur in einer Gesellschaft lebt, bekommt Gehirnwäsche, egal wo", warnt der Estée-Lauder-Chef, der Deutschland mit achtzehn Jahren aus Neugier in Richtung Kanada verließ und der heute regelmäßig Zeitungen aus Europa, Asien und den USA liest.

Den Karate- und Aikido-Fan und Träger des Schwarzgurts hat es auch wegen des Kampfsports nach Asien gezogen. Als Estée Lauder 1975 ihm, der schon in Japan arbeitete, die Leitung des Japan-Geschäfts anbot, war der US-Konzern das "Exit-Ticket für den Westen". Denn er wollte nicht sein ganzes Leben in Asien verbringen.

Aber ein gutes Stück Asien hat er mitgenommen, er, der von sich selbst sagt: "Wenn Sie so ein Leben führen wie ich, werden Sie zum Zigeuner." So beobachte er Menschen viel stärker als früher, erzählt Langhammer in seinem Büro mit Parkblick. Wenn er ein Haus betritt, achtet er auf das Verhalten der Haustiere. "Daran erkenne ich, wer das Sagen hat", rühmt er sich und öffnet dabei seine manikürten Hände.

Auch der Kampfsport kommt ihm noch heute zugute. "Wenn man weiß, was man kann und dass man die Oberhand hätte, dann muss man keinen davon überzeugen". Unsichere Manager sähen fähige Mitarbeiter als Konkurrenten und umgäben sich nur mit Leuten, die ihnen zustimmen, lautet seine Erkenntnis.

Langhammer hingegen liebt es, Leute herauszufordern. Er, der fließend Deutsch, Englisch und Japanisch spricht, testet dann gerne deren Sprachkenntnisse. Bei Analysten dreht er den Spieß um und prüft, ob sie ihre Hausaufgaben gemacht haben. Sie sind ohnehin seine Lieblinge. Seit Anfang Januar lässt er ihnen nicht einmal mehr Quartalsprognosen zukommen. "Wir sind keine Sprinter sondern Marathonläufer. Wir müssen langfristig gute Ergebnisse bringen", merkt er an.

Als er im Büro das Regal mit den Photos abschreitet, auf denen er mit berühmten Personen - von Michael Schuhmacher über John F. Kennedy junior bis Ariel Sharon - zu sehen ist, greift er ein Bild heraus. Da steht er neben US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. "Ein umstrittener Typ, nicht wahr?" fragt er mit einem Augenzwinkern.

Als er Leiter des Deutschlandgeschäfts von Estée Lauder war, hat er noch einmal die Arbeitswelt in seinem Heimatland erlebt: Was ihn am meisten irritiert hat? "In Deutschland pocht jeder als Erstes auf seine Rechte und vergisst, über seine Verantwortung zu sprechen." Das sei in Asien und Amerika umgekehrt.

Gerade ist er von einem Trip aus Florida zurückgekommen. Da seien die Leute begeistert, wenn er ihnen neue Ideen vorstelle, auch wenn die noch nicht durchdacht seien, plaudert er. Gleiche Szene in Deutschland: "Da überlegen sich schon während meines Vortrags 80 Prozent der Leute, warum es nicht klappen kann." Als Chef eines US-Unternehmens könne er schneller handeln und mehr Risiko eingehen.

Aber er sieht auch Vorteile in den deutschen Tugenden. "In Deutschland wird gründlicher gearbeitet." Und: "Hier in den USA ist alles etwas oberflächlich." Nun, Eitelkeit ist ja sein Geschäft. Auch er achtet auf sein Äußeres. Aber die Kanzlerfrage beantwortet der 58-Jährige negativ: "Nein, die Haare färbe ich mir nicht."

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%