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Rasantes Tempo: Deisler vor Comeback

Er gab die Kommandos, riss das Geschehen an sich und verließ als Sieger den Platz. Im Trainingsspiel lief für Sebastian Deisler alles schon einmal so ab, wie er es sich für sein großes Comeback erhofft.

dpa BERLIN. Er gab die Kommandos, riss das Geschehen an sich und verließ als Sieger den Platz. Im Trainingsspiel lief für Sebastian Deisler alles schon einmal so ab, wie er es sich für sein großes Comeback erhofft.

Nach einjähriger Länderspielpause und einer langen Leidensgeschichte fiebert der 24-Jährige ausgerechnet in der einstigen Wahlheimat Berlin dem Klassiker gegen Brasilien entgegen. "Es ist ein unbeschreibliches Gefühl", sagte der Mittelfeldspieler des FC Bayern nach den ersten gemeinsamen Trainingstagen mit der Nationalmannschaft.

Deisler selbst beziffert seine DFB-Abstinenz gar auf drei Jahre. Unterbrochen wurde sie nur von einem 20-minütigen Kurzeinsatz am 6. September vergangenen Jahres in Island (0:0) und jenem verhängnisvollen 18. Mai 2002 in Leverkusen gegen Österreich. Damals musste er mit einer schweren Knieverletzung nicht nur die WM-Träume für Japan und Südkorea begraben, sondern sogar um seine Karriere fürchten.

Doch davon ist jetzt ebenso wenig die Rede wie von den Depressionen. Zu verdanken hat dies vornehmlich der Fürsorge seines Arbeitgebers. "Das hat der FC Bayern perfekt gemacht. Dort hat man ihn behutsam aufgebaut und während der Krankheit immer das Gefühl gegeben, dass er ein Teil der Mannschaft ist", betonte Kapitän Michael Ballack am Dienstag.

Deisler sprüht in Berlin derart vor Tatendrang, dass selbst Bundestrainer Jürgen Klinsmann und Assistent Joachim Löw beeindruckt sind. "Er ist gut drauf, hat Spaß bei jeder Trainingseinheit und auch außerhalb des Trainings", sagte Klinsmann: "Es ist schön, dass er sich wohlfühlt."

Beim Amtsantritt vor drei Wochen in Österreich (3:1) hatte Klinsmann noch den Ratschlag von Felix Magath beherzigt und auf eine Berufung Deislers verzichtet, um einen behutsamen Aufbau des Hoffnungsträgers nicht zu gefährden. Bei der Nominierung für den Klassiker gegen Brasilien versprach Klinsmann, Deisler nicht unter Druck setzen zu wollen: "Wir nehmen sein Tempo auf und folgen ihm Schritt für Schritt auf dem aufsteigenden Ast."

Inzwischen aber ist es Deisler selbst, der nicht mehr geschont werden will und das Tempo forciert. "Ich spüre, dass es von Tag zu Tag besser wird", berichtete der 20-malige Nationalspieler, der von Anfang an klarmachte, dass er nicht nur zum Reinschnuppern nach Berlin gekommen ist.

Stattdessen folgt nun im Olympiastadion der Neuanfang mit dem großen Ziel, bei der WM 2006 in 22 Monaten an gleicher Stelle das Finale bestreiten zu dürfen. "Das ist ein Riesentraum von mir", sagte Deisler, dessen einziges Turniererlebnis die blamable Europameisterschaft 2000 unter Teamchef Erich Ribbeck war. Damals agierte Deisler nur als Mitläufer, Klinsmann hingegen hat ihm für die WM eine tragende Rolle reserviert: "Er ist in unseren Planungen eine feste Größe."

Bleibt die Frage, ob auch die Berliner bei Deislers Comeback mitspielen und ihrem "verlorenen Sohn" die Sünden der Vergangenheit verzeihen. Denn in der Hauptstadt hat sein Ruf durch den dubiosen Wechsel 2002 von Hertha BSC zum FC Bayern mächtig gelitten. Die 20 Mill. DM, die er in einem publik gewordenen Handgeld-Scheck aus München bekam, hat zwar zurückgegeben - die Herzen der Berliner damit aber nicht zurückerobert. Vielleicht gelingt ihm das am Mittwoch mit einem beherzten Auftritt gegen Brasilien.

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