Ratingagenturen beobachten mit Argusaugen die Entwicklung: Bonität der Deutschland AG wackelt

Ratingagenturen beobachten mit Argusaugen die Entwicklung
Bonität der Deutschland AG wackelt

Wer würde schon gern einen Mercedes gegen einen Renault oder Fiat tauschen? Nun, auf dem Markt für Staatsanleihen wird man einen solchen Tauschhandel vielleicht bald nicht mehr ausschlagen.

NEW YORK. Die einst mächtige deutsche Wirtschaft tritt auf der Stelle. Die Probleme im Bankensystem nehmen kein Ende. Und immer mehr Analysten erwarten, dass Deutschland bei der Bewertung der Kreditwürdigkeit bald die heiß begehrte Einstufung "AAA" verlieren könnte. "Der schwache Finanzsektor und verschiedene andere Probleme könnten zu einem offiziellen negativen Ausblick für die Bonitätsbewertung des Landes durch eine oder mehr Rating-Agenturen führen", sagt John Butler, Chefstratege von Dresdner Kleinwort Wasserstein in London. Auch eine Abstufung auf den Status "AA" im kommenden Jahr sei denkbar.

Falls die Bonitätseinstufung sinkt und die Finanzmärkte zu der Überzeugung gelangen, dass Deutschland beim Rating für längere Zeit etwa hinter Frankreich zurückbleibt, dann würden französische Staatspapiere schließlich die deutschen Bundesanleihen als Benchmark ablösen, nach der sich alle anderen, in Euro denominierten Staatspapiere orientieren, so Butler weiter. Und die deutsche Krankheit könnte die Nachbarländer anstecken. "Wenn Deutschland das AAA-Rating verliert, dann sprechen wir über eine Bonitätsabstufung in ganz Europa", meint John de Garis, Leiter der Abteilung für europäische Rentenpapiere bei Credit Suisse Asset Management. Sollte Deutschland die höchste Bewertung tatsächlich aberkannt werden und die Bundesanleihen den Status einer Messlatte für andere Rentenpapiere in Euroland einbüßen, dann hätte das weit reichende Folgen. "Das geht dann durch das ganze Land und wird jeden betreffen: die Bundesregierung, die Länder, die Banken und die Unternehmen", prophezeit Butler. "Es ist unwahrscheinlich, dass andere Kreditnehmer nach einem solchen Downgrade höhere Kreditkosten vermeiden können. Die Kreditkosten für die Deutschland AG gehen nach oben und schaden der Wettbewerbsfähigkeit des Landes. Das kann sich selbst auf die Aktienkurse der Unternehmen niederschlagen."

Kommt es zu diesem schlimmsten Szenario, dann würden die Analysten bei Dresdner Kleinwort in einer neuen Hackordnung unter den europäischen Staatsanleihen Frankreich an die erste Stelle setzen, gefolgt von den Niederlanden und Spanien. Falls die Anleger sich vor einem solch harschen Vorgehen durch die Rating-Agenturen sicher fühlen, sollten sie bei deutschen Staatstiteln bleiben - allein schon wegen der Liquidität, die dem Bund als Referenzanleihe zuteil wird.

Die Rating-Agenturen beobachten Deutschland mit Argusaugen. David Riley, bei Fitch Ratings für die Bewertung staatlicher Bonität zuständig, befürchtet, dass Ausbleiben von Strukturreformen mache Deutschland für negative Entwicklungen anfälliger. Dies könnte letztendlich den AAA-Status des Landes untergraben." S&P schreibt, der Reformstau könnte zunehmend Druck auf die Ratings ausüben.

Eine Bonitätsabstufung Deutschlands ist aber keine ausgemachte Sache. Moody's Investors Services hat erst vergangenen Monat das AAA-Ranking bestätigt. Es würde dem Land wohl kaum Schwierigkeiten bereiten, eine höhere Schuldenlast zu bedienen, sagt Guy Skinner, Fondsmanager bei Morley Fund Management in London. Die Chance einer tatsächlichen Rating-Rücknahme beziffert er auf zehn bis zwanzig Prozent. Eher als das Land seien wohl die deutschen Unternehmen von einem Downgrade betroffen, besonders "wenn es sich um Qualitätsnamen wie Siemens, BASF and E.On handele", meint ein Rentenstratege. John de Garis bei Credit Suisse Asset Management bleibt gegenüber einem Rating-Verlust Deutschlands relativ gelassen: "Frankreich geht mit einem erhöhten Etatdefizit denselben Weg wie Deutschland. Daher dürfte Frankreich Deutschland nicht für lange Zeit ersetzen." Und einige Experten glauben, ein Ausschluss aus dem AAA-Club sei die Chance für die deutschen Politiker, sich endlich mit den zu strikten Arbeitsmarktregeln, den hohen Steuern und dem kostspieligen Renten- und Sozialsystem auseinander zu setzen.

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