Ratingagenturen setzen Argentinien auf die Überprüfungsliste mit negativem Vorzeichen
Analysten sprechen von übertriebener Reaktion der Märkte

Die Anleihemärkte haben auf die jüngsten politischen Unsicherheiten in Argentinien mit deutlichen Kursabschlägen reagiert. Gestern beruhigte sich die Situation zwar etwas, doch seit Freitag verlor die liquide siebenjährige in Euro aufgelegte Anleihe mit einer Laufzeit von sechs Jahren sechs Prozentpunkte auf gut 90 Prozent. Damit kosteten die Papiere 7,5 Prozentpunkte mehr als Bundesanleihen mit entsprechender Laufzeit. Diese Risikoaufschläge stiegen seit Freitag um 1,5 Prozentpunkte. Damit notierten die Papiere auf einem ähnlichen Niveau wie 1998.

cü/ret FRANKFURT/M. Noch schlimmer sieht es bei den in Dollar aufgelegten Bonds aus. Die Risikoaufschläge der im JP Morgan Securities Emerging Market Bond Index-Plus zusammengefassten Dollar-Anleihen lagen gestern bei knapp 13 Prozentpunkten. Damit sanken sie etwas, nachdem sie am Montag um mehr als zwei Prozentpunkte in die Höhe geschnellt waren. Das belastete auch andere Anleihen von Schwellenländern.

Ähnlich wie auf dem Höhepunkt der jüngsten Wirtschaftskrise in der Türkei gehen Ökonomen und Analysten jedoch auch im Falle Argentiniens davon aus, dass ein Flächenbrand in den Emerging Markets und eine daraus resultierende Krise der Weltwirtschaft vermieden werden kann. "Am ehesten betroffen sind brasilianische Anleihen, da Brasilien der wichtigste Handelspartner Argentiniens ist", meint Caspar Melville- Murphy, Rentenanalyst bei Dresdner Kleinwort Wasserstein. Mexikanische Bonds hielten sich dagegen "erstaunlich gut", wohl vor allem, weil die Wirtschaft des Landes eher an den USA als an Argentinien ausgerichtet sei.

Die Fachleute sehen den Streit zwischen Wirtschaftsminister Domingo Cavallo und Zentralbankchef Pedro Pou als eine der Ursachen für das nachlassende Vertrauen der Finanzmärkte an. Die Dissonanzen zwischen Cavallo und Pou drehten sich vor allem um die Frage, welche Geldmenge als angemessen für die Liquiditätsversorgung der Wirtschaft anzusehen ist. Auch die Aufforderung des Oppositionsführers und Ex-Präsidenten Carlos Menem als Schutz vor einer möglichen Abwertung der heimischen Währung US-Dollar zu kaufen, belaste die Märkte. Zudem hat Argentinien wegen des hohen Zinsniveaus am Montag die für gestern vorgesehene Neuemission von Anleihen über bis zu 750 Mill. Dollar auf Mitte Mai verschoben. Die Ratingagenturen Standard & Poor?s und Moody?s Investors Service, die Argentinien mit "B+" bzw. "B2" als spekulatives Investment einstufen, haben das Land auf die Überprüfungsliste mit negativem Vorzeichen gesetzt.

Analysten sind verhalten optimistisch

Dennoch sind Analysten verhalten optimistisch: "Auch im ungünstigsten Fall ist nicht zu erwarten, dass Argentinien ein ähnlich globales Desaster wie die Asienkrise in den Jahren 1997/98 auslösen wird", meint Scott J. Brown, Chefökonom des US-Finanzhauses Raymond James.

Andere Experten unterstützen Brown. Das Argentinien-Problem sei nicht erst seit der Türkei-Krise bekannt, hieß es in Frankfurter Bankenkreisen. In Londoner Bankenkreisen wurde erklärt, dass die großen Hedge-Funds in Argentinien in den vergangenen Wochen nicht übermäßig stark auf einen Verfall der Vermögenswerte spekuliert hätten. Es sei kaum davon auszugehen, dass diese spekulativen Kapitalsammelstellen auf dem derzeitigen Niveau noch bereit wären, auf eine dramatische Verschlechterung der Situation zu spekulieren und die Krise in diesem Fall zu verstärken.

Zsolt Papp, Senior Economist bei ABN Amro meint, dass die derzeitige Krise am Anleihemarkt "ein bisschen übertrieben" ist. Auch die DG Bank rechnet damit, dass die Situation sich mittelfristig wieder stabilisiert und empfiehlt risikobewussten Anlegern deshalb, argentinische Euro-Bonds zu halten.

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