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Ratings setzen Konzerne unter Zugzwang

Ein erfolgreicher Check für den Dow Jones Sustainability Index kann die wirtschaftliche Position stärken

SUSANNE BERGIUS
HANDELSBLATT, 10.10.2003
Anfang September: Stolz teilt die Lufthansa mit, sie habe ihre Spitzenpositionen in den Dow Jones Sustainability Indices (DJSI) gehalten. Und Philips Electonics brüstet sich, im DJSI bestes Unternehmen der Verbraucherelektronik zu sein. Für Konzerne ist es heute eine Imagefrage, in einem Nachhaltigkeitsindex vertreten zu sein. Wer etwas auf sich hält, strebt eine Notierung im weltweit renommierten DJSI an, den es seit 1999 gibt. Auch der 2001 aufgelegte FTSE4Good ist anerkannt. Die Ratings sind nicht nur bloße Bestandsaufnahmen, sondern bewirken vielfach Änderungen der Firmenpolitik. Wer dazu gehören will, muss zahlreiche Kriterien für nachhaltiges Wirtschaften erfüllen.

"Einige internationale Unternehmen nutzen den DJSI-Fragebogen als Leitplanke für ihre interne Strategieentwicklung hinsichtlich nachhaltigen Wirtschaftens", berichtet Alexander Barkawi, Managing Direktor der für den DJSI zuständigen Schweizer Rating-Agentur SAM. Sie ermittelt den Besten einer Branche.

Anfang September hat T-Online den Sprung in den DJSI geschafft. Mutter Deutsche Telekom hatte es bereits 1999 vorgemacht. Der Konzern hat führende Positionen bei Nachhaltigkeitsratings offiziell zum Unternehmensziel erklärt. "Das jährliche Rating zum DJSI ist für uns eine sehr aussagekräftige, externe, unabhängige Bewertung unserer Aktivitäten", begründet Ignacio Campino, Leiter des Bereichs Nachhaltigkeit. "Die Ergebnisse haben uns wiederholt wertvolle Hinweise für Verbesserungspotenziale gegeben." Beispielsweise hätten die Ratings die Absicht des Unternehmens bestärkt, eine konsequente Steigerung der Kohlenstoffeffizienz anzustreben. Durch den systematischen Ein-kauf von Strom aus hoch effizienten Stromerzeugungsanlagen sei es gelungen, den Energieverbrauch von den CO2-Emissionen abzukoppeln.

Der Konzern hat das Thema Nachhaltigkeit zentralisiert - ein jährlicher Bericht aller Betriebsteile an den Vorstand ist Pflicht. Der drängte die Online-Tochter, sich mit dem Ausgleich zwischen ökonomischen, ökologischen und sozialen Aspekten des Wirtschaftens zu beschäftigen und den Fragebogen auszufüllen. "Indem T-Online das Managementsystem und die offenere Kommunikation von der Deutschen Telekom übernahm, gelang der Sprung in den DJSI", sagt SAM-Analyst Edoardo Gai.

Der Wettbewerb um die führenden Position in einem Index ist hart. So wurde im September der niederländische Chemiekonzern DSM in den DJSI aufgenommen und auf Anhieb Klassenbester der Branche. Vor zwei Jahren stand noch BASF auf dem obersten Treppchen. "Die Bewertungsunterschiede sind zwar gering, zeigen aber, dass man sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen kann", erläutert SAM-Analystin Regula Ritter. Voll Stolz hatte BASF den "Feedback-Report" der Agentur 2001 in den Nachhaltigkeitsbericht aufgenommen. Vergangenes Jahr fiel die Bewertung nicht ganz so gut aus - prompt veröffentlichte das Unternehmen sie auch nicht.

Gleichwohl gehört BASF neben DuPont und Air Products & Chemicals noch zur Spitzengruppe der Branche. Der Weg dorthin war holprig. Erstmals ließen sich die Ludwigshafener 1999 den Fragebogen von SAM schicken - und waren überrascht, dass Finanzanalysten auch nach Umwelt- und Sozialdaten fragten. BASF konnte viele Fragen mangels Daten nicht beantworten. Prompt lehnte der DJSI die Aufnahme ab.

Die BASF-Führung bleib hartnäckig: "Das Management traf die strategische Entscheidung, dass die Aufnahme in den Index ein wichtiges Ziel ist, und stellte die Ressourcen bereit, um die notwendigen Daten zu ermitteln", berichtet Ritter. Seither liegen etwa die CO2-Emissionen nicht mehr nur regional, sondern konzernweit vor. Und der Glaubenskrieg darüber, ob das Umweltmanagementsystem ISO-zertifiziert sein müsse, sei zugunsten der Zertifizierung beigelegt worden.

Trotzdem verweigerte der DJSI auch 2000 die Aufnahme der Deutschen. Mit den Preisabsprachen in der europäischen Chemiebranche hatte sich BASF selbst ein Bein gestellt. SAM basiert seine Bewertungen nämlich nicht nur auf Fragebögen und zusätzlichen Firmendokumenten wie Umwelt- und Sozialberichten. Zudem werten die Analysten Medienberichte und Einschätzungen der Stakeholder aus. "Wer hier schlecht dasteht, kann ausgeschlossen werden", erläutert Ritter.

Die Anforderungen der Analysten sind hoch: Sie vergleichen die einzelnen Leistungen der Firmen stets mit denen des Branchenbesten. Mit Erfolg: "Das Thema DJSI ist einer der wichtigsten Motoren für nachhaltiges Wirtschaften in der BASF", sagt Carolin Kranz vom firmeneigenen Sustainability Center. "Für uns hat der Fragebogen die Funktion eines Frühwarnsystems."

BASF hat das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung in die Unternehmensphilosophie und den Verhaltenskodex aufgenommen, die Manager erhielten ein entsprechendes Training. Der Erfolg ließ dann nicht länger auf sich warten: BASF avancierte 2001 auf den vordersten Platz. Diesen will der Konzern nun zurück erobern, sagt Kranz. Die Ludwigshafener sehen sich ungern hinter Degussa (2002) und DSM.

DSM gelang nach zwei Jahren auf der Reservebank der Sprung in die Spitzenklasse. "SAM hat uns gelehrt, transparenter zu sein und Ziele zum Beispiel zur Emissionsminderung für das Kerngeschäft festzulegen, die zugekaufte Betriebe binnen zwei Jahre ebenfalls einhalten müssen", erläutert Kees Bennebroek, PR-Manager für Nachhaltigkeit. Die Managementkontrolle der Rating-Agentur bewirkte, dass die Heerlener nun alle Aktivitäten aller Betriebsteile regelmäßig überprüfen. Das habe sich bezahlt gemacht, so Bennebroek: Die als Qualitätsgarantie gesehene DJSI-Notierung habe Kundenbeziehungen spürbar verbessert.

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