Rau warnt vor Vorverurteilung und neuem Ost-West-Konflikt
Bundespräsident in Sebnitz

afp SEBNITZ. Nach dem Wirbel um den Tod des kleinen Joseph hat Bundespräsident Johannes Rau bei einem Besuch in Sebnitz eindringlich vor Vorverurteilungen und neuen Gräben zwischen Ost und West gewarnt. "Mir geht es darum, dass Sebnitz eine Zukunft hat und dass wir nicht in einen falschen Ost-West-Konflikt geraten", sagte Rau nach Gesprächen mit Betroffenen. Angesichts der zeitweiligen Spekulationen, der Tod des sechsjährigen Jungen vor drei Jahren könnte einen rechtsradikalen Hintergrund haben, sagte der Bundespräsident, bloße Gerüchte dürften niemals die Grundlage für Urteile oder Vorurteile sein. Der Oberbürgermeister von Sebnitz, Mike Ruckh, wertete Raus Besuch in der Stadt als wichtiges Signal für die Rehabilitierung der Kommune. Sachsens Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) kündigte an, dem Fremdenverkehrsort Sebnitz helfen zu wollen, um den entstandenen Imageschaden zu beheben.

Rau traf in Sebnitz mit der Familie Josephs, den drei vorübergehend verdächtigten jungen Leuten sowie Vertretern des öffentlichen Lebens zusammen. Er betonte, der Tod des Jungen und die Spekulationen um einen angeblichen rechtsradikalen Hintergrund hätten einen "furchtbaren Schatten" auf Sebnitz geworfen, "den die Bürger dieser Stadt nicht alleine tragen sollen und nicht alleine tragen können". Er appellierte an die Medien, die unzutreffend über den Fall berichtet hatten, sich bei den Menschen in Sebnitz zu entschuldigen. Am Mittag kam Rau mit der Belegschaft einer Sebnitzer Modelleisenbahn-Firma zusammen, um mit den Arbeitern über die Lage in der Stadt zu diskutieren.

Oberbürgermeister Ruckh betonte, der Bundespräsident habe mit seinem Besuch in der 10.000 Einwohner zählenden Stadt in Ostsachsen das "öffentliche Zeichen für eine breitere Auseinandersetzung" gesetzt. Es gehe nun darum, den "guten Namen Sebnitz" wiederherzustellen. Medienberichte über angebliche Drohungen gegen Josephs Eltern bezeichnete er erneut als übertrieben. Biedenkopf sagte nach den Unterredungen im Sebnitzer Rathaus, es würden derzeit "Projekte diskutiert, um der Stadt und der Region bei der Überwindung der Krise zu helfen".

Joseph war 1997 im Schwimmbad von Sebnitz ums Leben gekommen. Der Vorwurf der Mutter, er sei von Neonazis ertränkt worden, hatte im vergangenen Monat bundesweit große Aufmerksamkeit erregt. Die Dresdner Staatsanwaltschaft stellte aber inzwischen die Ermittlungen gegen die drei Beschuldigten ein, da sich der Verdacht entkräftete. Von der Mutter vorgelegte eidesstattliche Zeugenaussagen hatten die junge Leute im Alter zwischen 20 und 25 Jahren fälschlich belastet. Auch einen rechtsradikalen Hintergrund schließen die Ermittler derzeit aus. Einer der drei zu Unrecht Beschuldigten stellte inzwischen Strafanzeige wegen falscher Verdächtigung gegen die Mutter und drei der Zeugen. Die Ermittlungen gegen die Mutter wegen eidesstattlicher Falschaussage dauern noch an.

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