Rauchverbot lässt "Schnupfen" boomen
Der richtige Riecher

Das Ritual des rauchfreien Tabakkonsums wandelt sich gerade vom Klischee zum Kult. Immer mehr Snuffer verschaffen sich mit geballter Faust einen freien Kopf.

Der rote Kreis mit dem durchgestrichenen Glimmstängel signalisiert deutlich: "Rauchen verboten". Der Jungmanager ballt inmitten der rauchfreien Zone die Hand zur Faust. Dann atmet er langsam ein: Schnupftabak! Jetzt hat er sein Portiönchen Nikotin, ohne jemanden zu belästigen. Noch nicht einmal geniest hat er - woran man übrigens den geübten User erkennt.

Es sollen bereits eine Million Deutsche sein, die sich ab und zu eine erfrischende Prise gönnen - Tendenz steigend. Den Trend verdankt das klassische Tabakerzeugnis sicher auch den vielen Rauchverboten in Flugzeugen, Flughäfen, auf Bahnhöfen, in vielen Büros und feinen Restaurants. Hinzu kommt die Diskriminierung der Raucher. Dagegen ermöglicht die Prise aus dem Döschen oder Fläschchen fast allerorts rauchfreien Tabakkonsum. Und: Schnupfer gelten im Gegensatz zu Paffern als entspanntere Zeitgenossen.

"Das sind eher gemütliche Leute, weniger stressgefährdet", lautet denn auch die Erfahrung von Professor Jürgen Lamprecht, Chefarzt der HNO-Klinik des Krupp-Krankenhauses in Essen. Klar, Nikotin ist erwiesenermaßen gesundheitsschädlich. Und die lokalen Wirkungen des Schnupfens seien an der Nase gut zu erkennen, aber "Krebsentstehung durch Schnupfen ist mir nicht geläufig", erklärt der Facharzt und fügt hinzu: "Anders als bei der Betelnuss, die in Indien oft gekaut wird." Man geht heute davon aus, dass beim Schupfen keine krebserregenden Kondensate anfallen, weil - anders als beim Rauchen - keine Verbrennung stattfindet.

Solche Erkenntnisse haben auch die EU-Behörden milde gestimmt. Die machten lange Zeit keinen Unterschied zwischen Paffen und Schnupfen, wenn es um Warnhinweise ging. Entsprechend war der Druck auf Packungen: "Rauchen/Tabak gefährdet die Gesundheit. Verursacht Krebs." Während bei den Rauchtabakerzeugnissen die Hinweise ab 30. September dieses Jahres verschärft werden, wird bei Schnupftabak ab 30. September 2004 auf den Krebswarnhinweis verzichtet. Dann heißt es dort nur noch: "Dieses Tabakerzeugnis kann Ihre Gesundheit schädigen und macht abhängig."

Dabei kann Schnupftabak der Gesundheit sogar zuträglich sein. So verabreichte im 16. Jahrhundert die französische Königin Katharina von Medici ihrem Sohn Franz eine Prise Tabakpulver direkt in die Nase zur Linderung von dessen Migräne - die sich daraufhin prompt verzogen haben soll.

Da war das "Poudre de la Reine" (Pulver der Königin) noch dem Adel vorbehalten. Doch Verknappung weckt bekanntlich Begehrlichkeit - auch und gerade bei den niederen Ständen. Und so verbreitete sich der Schnupftabak bald in sämtlichen Bevölkerungsschichten und Altersklassen, war im 19. Jahrhundert sogar beliebter als das Rauchen.

Möglich, dass sich dieser Trend gerade wieder mal erneuert, das Bild sich wandelt vom Klischee des lautstark seinen "Schmalzler" schnupfenden Bayern zum Kult des smart sniffenden Jungmanagers. Dabei gilt Schnupfen immer noch als urmännlich. Nur wenige Frauen ballen bisher die Faust dafür.

Der Schmalzler, dieser dunkle, mittelfein geriebene und relativ feuchte Tobak, versetzt mit Butterschmalz, gilt als Klassiker. Die Nachwuchs-Schnupfer werden eher den trendigen "Snuff" bevorzugen, einen besonders fein gemahlenen Tabak, in der Regel frisch verfeinert mit Pfefferminz- oder Eukalyptusöl und Menthol - auch schon mal mit Fruchtaromen.

Wobei es dem modernen Snuffer beileibe nicht schnuppe ist, was er sich da reinzieht. Die verschiedenen Sorten werden angeboten und ausgelobt wie edle Weine, etwa als "frischer Snuff mit ausgeprägter Würznote" oder "sehr fruchtig und mild mit feiner Apricot-Note."

Nummer eins unter den Schnupftabaken ist die "Gletscherprise" mit Columbiaöl-Aroma. Marktführer Pöschl verkauft davon fast zehn Millionen Boxen pro Jahr. Die 10- Gramm-Box kostet 1,45 Euro, das reicht für 50 bis 100 Sniffs.

Da Schnupfen auch eine Art Ritual ist, braucht?s natürlich Zubehör. Vor allem ein Schnupftuch, größer als das gewohnte Taschentuch und möglichst rot oder blau. Nicht zu vergessen die Schnupftabakdosen und-fläschchen. Liebhaber und Sammler entwickeln dafür einen besonderen Riecher, egal ob sie für einen Euro bei E-Bay eine Blechbox ergattern oder auf einer Auktion eine kleine Kostbarkeit aus fernen Ländern für Tausende von Euro ersteigern.

Quelle: Handelsblatt

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